Onkel Ficker läßt Dich nett grüßen oder das Denkblasen-Problem

January 15th, 2008 § 2 comments

Ich habe einen kleinen Tick, für den ich nichts kann. Er ist mir quasi zugelaufen oder wie mein Wellensittich Manfred zugeflogen. Gut, Manfred ist schon seit ein paar Jahren tot, aber der Tick ist immer noch da. Wenn ich mit Menschen reden muss, die ich nicht leiden kann oder die mir doof kommen, schalte ich äußerlich auf Standby und führe innerlich Monologe. Großartige Monologe. Vielleicht ist die Bezeichnung Monolog aber auch ein bisschen zu hoch gegriffen, wenn man zum Beispiel an Monologe aus der griechischen Tragödie denkt. Denn eigentlich sind es nicht viel mehr als wüste Beschimpfungen, Verunglimpfungen und despektierliche Gedanken, die ich für mich, in meinem Sinn mir von meinem Gegenüber mache.

Die gängigen Sachen lasse ich dabei meist außer acht. Stattdessen singe ich gern mal das Onkel Ficker-Lied. Da mag jetzt mancher die Nase rümpfen und sagen (von mir aus auch denken): Gott, wie ordinär! Aber Onkel Ficker und sein Lied haben mir schon oft über ärgerliche Situationen, in denen ich sonst eine Gastritis oder Wut-Blähungen bekommen hätte, hinweggeholfen. Eine kleine Stimme, die ein bisschen wie Martin Semmelrogge klingt, schreit mir, bzw. meinem Gegenüber dann folgendes zu: „Fick dich und halt´s Maul Onkel Ficker … alter Schwanzlutscher, Arschloch, Onkel Ficker …”. Zugegeben, ordinär ist es schon, aber wenn man sich mal folgende Situation dazu vorstellt, ist es wahnsinnig krampflösend und entspannend und Zuschlagen will man dann auch nicht mehr.

Vor ein paar Jahren war ich mal Praktikantin bei einem TV-Sender. Da dieser Sender zu jenem Zeitpunkt kurz vor der Pleite stand, wurde nichts produziert und auch sonst hing jeder den ganzen Tag vor dem Rechner und beobachtete das Warenangebot bei Ebay. Da sie mich aber nun mal für zwei Monate als Praktikantin eingestellt hatten, musste ich alles machen. Post wegbringen, Post abholen, Essen bestellen, Büro aufräumen, Fragen am Zuschauertelefon beantworten

Können sie ihrem Koch in der einen Sendung mal sagen, dass er nicht immer so viel von dem Gemüse abschneiden und dann wegwerfen soll. Ich war im Krieg und da kann ich das nicht sehen …”; „Wann läuft denn ihre Horoskop-Sendung wieder? Ich bin grad in einem psychischen Loch. Ich bin erst letzte Woche wieder aus der Klinik entlassen worden und meine Therapeutin hilft, wo sie kann, aber irgendwie muss ich jetzt wissen wie es weitergeht …

Eines Tages, als ich Mittagspause machen und aus dem ganzen Elend mal raus wollte, fing mich mein Chef an der Tür ab: „Mitkommen!” Während ich noch dachte, dass ich jetzt die Bestellung für zwei Poseidon-Platten mit extra Tsatsiki aufnehmen und dann besorgen musste, schloss sich die Tür geräuschvoll hinter mir. „Also, wir sind echt nicht zufrieden mit dir,” fing mein Chef an. Ich drehte mich reflexartig um, um zu schauen, ob hinter mir noch jemand ins Büro gehuscht war. Aber nein, ich war allein. „Weißt du, die Kerstin (die andere Praktikantin) kommt immer schon um kurz nach acht, beantwortet schriftlich alle Zuschauerfragen, macht den Pressespiegel und kocht immer den Kaffee. Und du kommst erst um neun und sitzt hier den ganzen Tag rum und machst dann Mittagspause.” Ich war mir sicher, dass in diesem Moment ein riesiges Fragezeichen über meinem Kopf schweben musste. Ich versuchte meinem Chef vorsichtig zu erklären, dass Kerstin jeden Morgen so früh kommt, damit sie um 16 Uhr schon wieder gehen kann, während ich bis halb sechs blieb (was er nicht wissen konnte, weil er nach der Mittagspause nie wieder auftauchte), außerdem erklärte ich ihm, dass Kerstin eine PR-Praktikantin ist, während ich eine Programm-Management-Praktikantin bin. Dass momentan nichts produziert wird sei nicht meine schuld, aber ich würde mich bereit erklären mit Handpuppen oder Zahnstochern Sabine Christansen nachzuspielen, wenn ihnen das weiterhelfen sollte.

Was dann folgte weiß ich nicht mehr so genau, weil ich dann das Onkel Ficker- Lied in mich hinein gesungen habe, während mein Chef unheimlich gestenreich und mit hochrotem Kopf auf mich einredete (oder schrie?). In solchen Situationen ist Onkel Ficker der einzige Trost, den man aus dieser kalten und ungerechten Welt ziehen kann. Onkel Ficker macht dieses Erdenrund zu einem erträglicheren Ort. Onkel Ficker trägt zum Weltfrieden bei. Und ich bin froh, dass es ihn gibt. Ihn und all seine kleinen Freunde, die mir bereitwillig zur Seite stehen, zum Beispiel dann, wenn ich morgens auf meine Lieblings-Politesse treffe …

§ 2 Responses to Onkel Ficker läßt Dich nett grüßen oder das Denkblasen-Problem"

  • [...] Tag!” und „Was kann ich für sie tun?” maulte sie ihren Namen ins Telefon. Da ich ja immer freundlich bleibe, selbst, wenn ich mich bei den Deppen von der Telekom zum zehnten Mal wegen falscher Buchungen [...]

  • Robert Curth says:

    Ich weiß, dass es sinnlos ist – aber ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich leute mental beleidige. Ich reiße nach schlechten Tagen einfach, abends beim laufen, die Lautstärke meiner Kopfhörer hoch und höre mir zerstörerische Klassik an, während ich mir die Seele aus dem Leib laufe.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

What's this?

You are currently reading Onkel Ficker läßt Dich nett grüßen oder das Denkblasen-Problem at anjejackert.de.

meta