Es ist nicht besonders schlau den Termin für den Gesundheitscheck kurz vor seinen 30sten zu legen. Der kleine Mann mit Brille und seltsamen Akzent bestätigte mir, was ich längst ahnte: Der Lack ist ab. Da ist nichts mehr zu holen. Die Blüte meiner Jahre…ja…war wohl nur ein kurzes Knospen bevor die Rosenschere angesetzt wurde.
Ich dachte es mir schon, als ich wieder mal mit dem Urinbecher losgeschickt wurde und man mir ohne Umschweife die Nadel in die Vene rammte. Ich bin eine Mimose. Durch und durch. Beim Blutabnehmen fange ich immer an zu kichern. Das verstehen die Damen Arzthelferinnen dann stets falsch. Sie meinen, ich hätte kein Problem, wäre gut gelaunt, nur etwas überdreht. Ich meine es hingegen so: Verzweifelt-panisch. Ich traue mich dann auch nie was zu sagen. Erst, wenn die schwarzen Punkte vor den Augen nicht mehr weg zu zwinkern sind und der Schweiß von der Oberlippe tropft, mache ich mich kurz bemerkbar, um dann für ein paar Minuten ins Nirvana abzutauchen.
Aber zurück zum Lack: Der Arzt, der kurz vor der Pensionierung steht, erklärte, er habe noch nie einen Patienten mit solch erstaunlichen Werten gehabt. Dass er das im negativen Sinne meinte, verstand ich nicht auf Anhieb. Für Ironie habe ich beim Arzt kein Ohr. 18 Jahre Vegetarier-Dasein machen sich dann am Ende wohl doch bemerkbar, nämlich in mannigfachen Mängeln. Jetzt muss ich mir eine Plastikschachtel anschaffen, auf der die Wochentage und die Tageszeiten vermerkt sind und meine 20 Pillen pro Tag schön einsortieren. Na, Servus. Kaum 30 und schon ein Pillen-Blackberry für Senioren am Start.
Ach ja und zur wöchentlichen Spritzkur muss ich auch noch antreten: Intravenös, versteht sich. „Das finde ich ein bisschen unseriös“, stammelte ich in Anbetracht der meiner Armbeuge wöchentlich drohenden Nadel. Der Arzt war verstimmt. „Unseriös“, das Wort hatte ihn verletzt, irritiert, gekränkt. Zumal es auch völlig fehl am Platz war. Aber ich hab‘s nicht so mit Wortgewalt beim Arzt.
Der Mann zahlte es mir auf seine Weise heim: Die nächsten Wochen kein Sport (nicht schlimm), keine großen Anstrengungen (auch nicht schlimm), kein Zucker (WAAAAAAAAAAAASSSSSSSSSSSSSSSS?) und keine Kohlehydrate (NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIINNNN!). Die seien Vitamin-Killer und somit Teufelszeug. Noch Fragen?
Und ob: Ich bin Vegetarier, habe eine Laktose-Intoleranz, bin allergisch gegen Nüsse, viele Obstsorten und Weißmehl. Die momentane Situation auf dem Gemüsemarkt ist auch nicht gerade dazu angetan, zu frohlocken. „Sie sind jung und haben noch Phantasie, verhungern werden sie bestimmt nicht“, sagte der Mediziner, dem ich meine Gesundheit anvertraut hatte, kühl. Ich nickte stumm und ging. -Schlagfertig bin ich beim Arzt auch nicht.
Am Ende dieses Tages ging ich ins Reformhaus, ließ all meine Vorbehalte gegenüber Körnerfressern beiseite und warf mich dem schmächtigen, Nickel-brilligen Verkäufer weinend an die Brust und stammelte: „Helfen sie mir! Ich werde 30“.