Technik-Autismus für Fortgeschrittene im Ü-Ei Format

March 11th, 2011 § 0 comments § permalink

Es heißt ja immer, man gewöhne sich an alles, wenn man sich nur genug Mühe gäbe. Ich habe ein neues Handy, dem gegenüber entwickle ich bereits jetzt schon zarte Hass-Gefühle. Geschätzte 50 Anschlüsse muss ich erst einmal durchprobieren, bevor es sich am Strom aus der Dose laben kann. Es verfügt über ungefähr 50. 000 Funktionen, die ich unmöglich alle kennen kann. Vom Nutzen ganz zu schweigen. Ich möchte ein braves, solides Handy, das still und ehrlich seine Arbeit verrichtet: Ab und an ein Anruf, hier und da eine SMS und an guten Tagen ein, vielleicht auch zwei Fotos. Das reicht mir. Ich bin genügsam, spießig, prüde und sittsam. Außerdem verfüge ich über ein äußerst knappes Zeitkonto und eine geringe Toleranzgrenze. Für Profanes bleibt da nur wenig Zeit.

Doch statt mich drein zu fügen, hadere ich. Seit Tagen habe ich das Handy bei mir, jedoch nicht an. Ich rede mir ein, dass ich es für einen Notfall schon in Gang bekäme und nehme es deswegen Macht-der-Gewohnheit mit. Ich könnte natürlich das alte Handy benutzen. Aber dann müsste ich wieder unangenehme Fragen beantworten, mein Schwager würde näselnd-triumphierend bei jeder Gelegenheit in großer Runde meinen Technik- Autismus genüsslich zum Thema machen. Bald werde ich 30. Ich fürchte mich vor den billigen Gecks in den Glückwunschkarten. Meine Familie ist da leider unerbittlich und sich für nichts zu schade.

Heute Abend bin ich also auf die Idee gekommen –ganz gegen meine Überzeugung- die Bedienungsanleitung zu lesen. Das war sehr aufschlussreich. Ich hatte keine Ahnung, dass man ein kleines, winziges, technisches Gerät mit derart vielem, nutzlosem Chichi überfrachten kann. Das ist ganz und gar lächerlich.

Spiel, Spaß, Spannung und Schokolade. Mehr braucht kein Mensch.

Frau Lehrerin, ich weiß echt nichts!

February 20th, 2011 § 0 comments § permalink

Sich am falschen Ort fühlen oder sich fragen: „Wie konnte ich nur hier landen“? Oder die Bitte in dringlicher Stoßgebetsform: „Erde, tu dich auf“! -Wer kennt das nicht? Das letzte Mal habe ich mich so während des Studiums gefühlt, als eine Studienkollegin und ich zu einer hippen Bar-Neueröffnung eingeladen wurden. Dort angekommen, stellten wir jedoch fest, dass das Ganze eher an einen freitäglichen Abend im Tennisverein Oer-Erkenschwick beim Club-Sparen erinnerte: 15 Männer in pastellfarbenen Howard-Carpendale-Gedächtnis-Jacketts saßen an der Bar, fuhren sich durchs schüttere Haar und nahmen einen großen Schluck Altbier während sie die Golduhr am Arm tüchtig schüttelten und schließlich äußerst interessiert auf uns blickten. Als meine Bekannte meinte: „Ach komm, einen trinken wir“, trat ich den Weg in Richtung Ausgang an und sagte im Rausgehen: „Ich fahr‘ schon mal den Wagen vor!“ Ich glaube, dass ich mir durch diesen einen Satz recht viel Unerfreuliches an jenem Abend erspart habe.

Seit Neustem bin ich Lehrerin und saß nun das erste Mal mit einer achten Klasse zusammen. Schon allein dabei konnte ich ein leichtes Unbehagen nicht verbergen. Die jungen Leute haben schließlich Ansprüche. Und um mich gleich beliebt zu machen, habe ich diese teilweise unbürokratisch und in Königinnen-Manier gewährt. Hausaufgaben am Wochenende? Quatsch! Aufgaben über die Ferien? Lächerlich! – Die Schüler waren begeistert. Doch wie das in dem Alter so ist, reicht den 14-jährigen längst nicht mehr der kleine, pädagogische Finger. Sie reißen komplett den ganzen Arm ab und knabbern genüsslich daran.

Plötzlich wurde sich auf den Stühlen rumgelümmelt. Jaqueline und Kevin befummelten sich ausgiebigst und Ayse fragte, ob wir nicht eine der drei Stunden in der Woche „chillen“ könnten. Mir dämmerte, dass ich gerade den Parade-Fehler schlechthin gemacht hatte. Ich rief umgehend alle zu einem gewaltfreien Stuhlkreis zusammen. Dort plädierte Denise für „immer Hausaufgaben-frei“ und alle grölten. Bevor ich irgendetwas sagen konnte, wurde es persönlich. Dominik fragte mich von der Seite, ob ich einen Freund habe. Worauf gleich ein wildes Spekulieren folgte. Ich hüllte mich in nebulöses Schweigen (im Grunde blieb ich nur in einer Schock-Starre, die mir Zeit zum Sammeln geben sollte). Als Cem fragte, ob wir am Wochenende auch mal bei mir Party machen könnten, hatte ich geistig bereits schon den Wagen vorgefahren. Ich ging zur Tafel und spielte mit den Schülern bis zum Ende der Stunde Galgenmännchen. Wobei ich mir bis zum Schluss nicht sicher war, ob ich damit die politischen/ kulturellen/ sozialen Gefühle einiger Schüler aus dementsprechenden Herkunftsländern verletzt habe. Aber nachfragen mochte ich auch nicht. Bloß nicht noch eine Baustelle am ersten Tag eröffnen.

In der nächsten Stunde gab es kein Verhandeln, keinen Stuhlkreis und despektierliche Äußerungen verbat ich mir auch. Vielmehr präsentierte ich mich als knallhart: Mein Königreich, meine Regeln. Ich würde schonungslos Hefte einsammeln, Vokabeltests schreiben, Hausaufgaben aufgeben, wenn sie sich nicht benehmen, nacharbeiten lassen, Hausaufgaben kontrollieren. Und als Ayse abermals fragte, ob wir nicht ein Mal in der Woche chillen könnten, lud ich sie ein das doch mit mir und dem Schulleiter in einem kleinen, intimen Gespräch zu klären. Jaqueline und Kevin störte das Ganze freilich wenig. Sie erkundeten gegenseitig ihre Mundhöhlen. Ich begrüßte dieses „genaue, gegenseitige Kennenlernen“ und stellte den beiden in Aussicht auf einem ganz anderen Gebiet mich bald kennenlernen zu dürfen. So nachmittags nach Schulschluss. Bei einer gepflegten Strafarbeit (das heißt ja jetzt anders, aber egal).

Später auf dem Schulhof hörte ich dann im Vorbeigehen, dass ich „Scheiße“ und eine „blöde Kuh“ sei. Erst habe ich gedacht: „Erde, tu dich auf!“. Aber dann dachte ich: „Lieber hier und unbeliebt sein als bei Howies Pastell-Brüdern im Sparclub“. Das Leben ist eben kein Pony-Hof. In der nächsten Stunde spiele ich wieder Galgenmännchen…

Valentinstag auf engstem Raum

February 14th, 2011 § 0 comments § permalink

Scheiße, ist das wieder romantisch am Valentinstag. Morgens um halb sechs aufstehen, da kommen Frühlingsgefühle auf. Dann in der allmontäglichen Kuschel-Fahrgemeinschaft über die Autobahn. Ein Medley der schönsten Bravo-Hits von 1998 bis 2003 dudelt durch die Boxen. Schönes bleibt. Manchmal eben auch etwas länger. Neben mir döst der sonst eher überkommunikative Teil der Fahrgemeinschaft ein und kippt bedrohlich zu meiner Seite. Er sabbert ein bisschen. Und schmatzt hin und wieder. Wenigstens spricht er heute nicht.

Dafür wird im vorderen Teil des völlig überforderten Opel Corsas kräftig geredet. Nein, philosophiert. Um kurz vor sieben. Montagmorgen. Mir fällt Tori Amos Version des Klassikers „I don’t like Mondays“ plötzlich sehr lebhaft wieder ein. Neben mir wird weiter gesabbert. Vor mir wird weiter gelabert. Mehr noch: Ich werde in den Gesprächskreis unmissverständlich eingeladen. Die Musik wird ausgestellt: „Was meinst Du denn dazu?“ Wozu? „Parlament-Auflösung in Ägypten, Du Schnarchnäschen!“ „Ich bin dabei“, hoffe ich noch mich mit einer belanglosen Antwort aus der Affäre ziehen zu können. Doch so leicht komme ich nicht aus dem Gesprächskreis-Schwitzkasten. Eine Dreiviertelstunde später an einem Autobahndreieck bin ich um eine Lehrstunde reicher, das Nervenpolster für den Tag ist allerdings restlos aufgebraucht. Um acht Uhr. Montagmorgens.

Das kommunikative und ästhetische Problem neben mir meldet sich aus dem Dämmerschlaf plötzlich zurück und wieder angeregt zu Wort. Er spricht sich für eine Spontan-Demo aus. Für wen? Gegen wen? Egal! Hauptsache zusammenrücken, sich annähern. Mir ist der zu nah. Den getrockneten Sabberfleck hat er sich noch immer nicht weggewischt. Schlimm, wenn schöne Männer meinen sie könnten sich ungestraft alles leisten. Auch den obligatorischen jedoch völlig unangebrachten Knie-Fummler und Augenzwinkler. Jetzt kommt mir meine sich seit Tagen anschleichende Erkältung zu Gute. Ich niese. Nicht vornehm. Nicht zugeknöpft. Ich lasse es einfach raus. Die Hand, die ich mir pseudo-manierlich noch vor die Nase gehalten habe, nutze ich jetzt für einen Gegen-Tätschler. Hand auf Hand. Montagmorgens. Im Auto. Am Valentinstag.

Ruhr-Yorker mit Migrationshintergrund

February 7th, 2011 § 0 comments § permalink

Es ist zum vollkommen blöd vor Glück werden. Nach über zwei Jahren bin ich wieder da, wo ich hingehöre: Im Ruhrgebiet. Hier hat sich nichts verändert. Das ist für einen hauptamtlichen Gelegenheits-Autisten beruhigend.

Zwischen Dortmund und Duisburg steht man immer noch in den gleichen Baustellen im Stau. Die Luft riecht angenehm nach Abgasen, Muff und billigem Parfum. Die Bäckersfrau fragt dreimal nach, packt dann doch das Falsche ein, knallt es einem liebevoll knarrzig auf die Ladentheke und stöhnt schließlich laut auf, wenn man das passende Kleingeld aus der Geldbörse kramen möchte.

Im Mietshaus wohnt wieder ein heimlicher Blockwart, der beim kleinsten Räuspern vor der Tür steht und sagt: „Das ist ein ruhiges Haus“. Und beim Gang zur Mülltonne im Vorbeigehen für Ordnung sorgt: „Mädchen, wir haben hier Flurwoche. Also schwing den Mop!“ Früher hätte ich erwidert, dass er sich den selbigen rektal einführen soll, heute herze ich ihn im Geiste und wische als gelte es die Monatsmiete zusammen zu feudeln. Ich will wieder dazu gehören. Jawohl!

Und so arbeite ich derzeit hart daran mir dieses unsägliche Hochdeutsch mit einem Schuss Quoten-Platt wieder abzutrainieren. Denn schnell gerät man ins Abseits, in die soziale Isolation, wenn man gewisse sprachliche Verhaltensregeln nicht einhält.

Doch auch auf einem weiteren Gebiet muss ich nachsitzen und an mir arbeiten. Beim Thema Misstrauen hat sich leider nichts getan. Alles beim Alten. Sogar noch schlimmer. Vertrauen muss man sich erarbeiten, Misstrauen gibt’s bei mir per sofort und mit einer bewunderungswürdigen Hartnäckigkeit. Ganz von diesem Grund-Gefühl durchdrungen stand ich also an meinem Schlafzimmerfenster. Von hier aus kann ich auf einen einsamen Pfad hin zu einem kleinen Park schauen. An jenem Morgen stand dort ein Glatzköpfiger mit Bomberjacke und Kampfhund. Er stand da und wartete. Kein Zweifel, ich kombinierte: Drogendealer.
Die Entrüstung meinerseits war groß. Schon hatte ich das Telefon zur Hand, um im Fall der Fälle direkt für Recht und Ordnung sorgen zu können. Nicht hier in meinem Tanzbereich! Ich wartete. Und wartete. Der Drogendealer auch. Als ich kurz davor war das Fenster zu öffnen und mit einem gezielten Schlachtruf für Ordnung zu sorgen, passierte es: Ein puscheliger, alter Hund kam langsam aus dem Park auf den Glatzkopf zugetrottet. Er bückte sich, tätschelte den Hund, leinte ihn an und zog mit beiden Hunden ab.

–Ich war zu Tränen gerührt. Dat is mein Ruhrgebiet.

Dem Körper-Klaus ist nicht zu trauen

February 2nd, 2011 § 0 comments § permalink

Es ist unerfreulich. In etwa so, wie damals die grässliche Geschichte mit dem ausgerenkten Halswirbel. Am Wochenende. Und dann in der Notfallaufnahme. „Wie ist das nochmal passiert?“ Peinliches Geräusper.

Heute kommt es mir so vor, als sei dies alles schon Jahrzehnte her. Ich schlafe mit einer Wärmflasche im Bett, benötige morgens zum Aufstehen drei Anläufe und kann mir meine Schuhe nur mit ausgiebigem Stöhnen zu machen. Nein, ich bin nicht fett über die Jahre geworden. Zumindest nicht nennenswert. – Ich habe wieder mal Rücken.

Zum Arzt gehe ich freilich nicht. Dort fühle ich mich einfach nicht ernst genommen, meine Leiden nicht gebührend gewürdigt. Also therapiere ich mich selbst. Hole fernmündlich Expertenrat ein, reibe mich mit Cremes ein, schlafe angestrengt, hülle mich tagsüber in wohlige Schmerztabletten-Watte und durchforste das Internet. Derweil ziehe ich das Bein beängstigend nach und habe größer werdende Schwierigkeiten, das Gaspedal beim Autofahren voll zu betätigen.

Mir wird mit jedem Tag mehr klar: Die großen Chancen im Leben werden mir fortan verwehrt bleiben: Let’s dance, Klavierspielen, Germany’s next Topmodel, eine tragende Rolle in einem Tanz-Musical, Deutschland sucht den Superstar, Dschungel Camp –Alles vorbei. Ich bin der verletzte Löwe, der sich hinter der Herde durch die Savanne schleppt. Bald kreisen die Geier.

Da kam unverhofft doch noch Hilfe. Jetzt ist mein Rücken voll mit pinkem Tape-Band. Ich war skeptisch, doch das junge Reh von einst, scheint sich wieder in meinen Körper zurück zu kämpfen. Es kribbelt auch nicht mehr diffus irgendwo. Das hat mich in den letzten Tagen doch in so mancher Situation arg verwirrt. Schmetterlinge im Bein? Ach nee! Das lassen wir mal sein!

Mehr Firnis bitte!

January 16th, 2011 § 0 comments § permalink

Ich habe dieser Tage wieder meinen Literarischen. Ich bin zu müde für glitzernde, geniale, melancholische, eigene Gedanken. Also lasse ich mich von denen berieseln, die es einfach drauf haben. Oder hatten. Also lande ich wieder bei Goethe, der ganz richtig meint (oder meinte): „Das wirkliche Leben verliert oft dergestalt seinen Glanz, dass man es manchmal mit dem Firnis der Fiktion wieder auffrischen muss“. So viel Firnis, wie ich momentan bräuchte, habe ich leider derzeit nicht im Haus.

Heute Morgen ist mir meine elektrische Zahnbürste ins Katzenklo gefallen. Ich bin in der Mauser, habe Staupe und bin mit Fragen und Anliegen aller Art überfordert. Heute fragte mich das sechsjährige Kind von Bekannten, wer eigentlich Gott ist. An guten Tagen hätte ich in der Phantasie-Kiste gekramt und sprachlich ein buntes Feuerwerk abgebrannt, stattdessen nuschelte ich: „Gott ist ein transzendentales Wesen“. Als der Knirps leicht verwirrt abzog, kam ich mir ziemlich schäbig vor.

Es ist derzeit aber auch verflixt. Mein Leben hat gerade nichts Charmantes zu bieten. Außer der taz. Oder dem Vertriebs-Menschen der taz. Wenn der so weiter macht, grabe ich ihn vielleicht mal an. Ich nehme diese Allgemein-Briefe nämlich sehr persönlich. Man bemüht sich darin um mich als Leserin. Man ist sehr hartnäckig und ausdauernd in dieser Hinsicht und stört sich auch nicht an der fehlenden Reaktion meinerseits.

Ich hatte die taz mal abonniert, dann jedoch in einem Anfall von Welt-Abkehr jegliche Tageszeitung gekündigt. Sind wir doch mal ehrlich: Tageszeitungen sind eigentlich eine Beleidigung für jeden Menschen mit Sprachgefühl. Da wird gefährliches Halbwissen tagtäglich zusammen geklöppelt, sprachlich in eine Form gepresst, zusammengestrichen, beschnitten und verstümmelt bis es passt oder dem Redakteur die Zeit ausgeht. Und all die Verlegenheitsartikel, all die Lückenfüller, all die Nachrichten-Fragmente, landen dann gebündelt auf dem Frühstückstisch, wo sie mit noch größerer Unaufmerksamkeit überflogen werden, bevor es ins Altpapier geht. Bücher überdauern die Zeit, Zeitungen und ihre Artikel mit etwas Glück einen Tag. Das ist ärgerlich, weil sich manch Redakteur eben doch viel Mühe gibt. Perlen vor die Säue. Es ist ein Drama.

Mein Tageszeitung-Boykott ist ein bisschen an den Tom-Cruise-Boykott angelehnt, den ich seit Jahren pflege. Verändert hat sich bislang noch nichts dadurch. Auch bei den Tageszeitungen sehe ich eher schwarz… Die taz ist aber nicht nachtragend. Sie ist da ein bisschen wie Gregor Gysi: Irgendwie link. Denn sie raspeln natürlich in all den Briefen und Mails nur deswegen Süßholz, weil sie mich rumkriegen wollen. Ich soll ihr Blättchen wieder abonnieren. Bis dahin starten die die große Charme- und Nerv-Offensive. Wie der Gregor eben.

Falls ich mir je wieder eine Tageszeitung in den Postkasten holen sollte (also, wenn das mit dem Firnis nicht mehr ganz so akut ist), dann wird es auf jeden Fall die taz sein. Versprochen. Oder, um es mit Politiker-Worten zu sagen: Ich geben Ihnen mein Ehrenwort….

Das Muss ist eine harte Nuss

January 11th, 2011 § 0 comments § permalink

Ich ziehe um. Darin habe ich den letzten vier Jahren eine Art Routine bekommen. Also öfter mal was Neues. Vor der Packerei ist mir gar nicht bang. Vor den Renovierungsarbeiten auch nicht. Da meine Vermieterin und ich ein sagen wir mal wenig inniges Verhältnis zueinander pflegen, fahre ich das Sparprogramm in puncto Schönheitsreparaturen. Auf dem dunklen Holz-Imitat-PVC-Boden ist ein Striemen zu sehen. Da habe ich mal einen vollbepackten Schrank verschoben und anschließend beim Anblick des Striemens einen Nervenzusammenbruch bekommen. Heute sehe ich das weniger dramatisch. Ich habe mir bei den Kindern von Bekannten Wachsmaler in sämtlichen Braun-Tönen ausgeliehen, mit denen ich nun den Striemen temporär beseitigen werde.

Bei den Bohrlöchern schwanke ich noch zwischen Zahnpasta, Silikon und Moltofill. Eigentlich hat die Wohnung einen dezent minzigen Geruch verdient. Im Bad hat mich schon beim Einzug die Wandgestaltung in Form einer Tapete für Nassräume arg gestört. Die Wände sehen so aus, als hätte man einen Affen sieben Wochen lang mit drei Farben und einem winzigen Pinsel in diesem Raum eingeschlossen: Tinnitus für die Augen. Auch hier kommen wieder die Wachsmaler zum Einsatz. Renovierungsarbeiten können durchaus das kreative Geschick fordern. Bestimmt fällt mir noch mehr dergleichen ein. Schließlich habe ich noch Baumittel, die ich nicht mitnehmen möchte, und die deswegen „wech müssen“.

Was mir hingegen mehr Bauschmerzen bereitet, ist der Abschied. Man mag es vielleicht nicht glauben, aber ich als freundlicher Soziopath von Nebenan habe durchaus einen intakten Freundeskreis hier. Ich möchte fast sagen: So wohl habe ich mich selten irgendwo gefühlt. Abschiede sind nicht gerade meine Parade-Disziplin. Ich muss immer wieder feststellen, dass es da an der B-Note erheblich hapert. Statt Tränen und säuselnden Worten freien Lauf zu lassen, verliere ich mich in schlechtgelaunten Zickigkeiten. Da ist jeder garantiert froh mich los zu sein.
Wie seltsam verflixt und paradox das bisschen Leben doch ist: Erst will man nicht hin und dann nicht wieder weg. Das Muss ist eine harte Nuss…

Religiöse Tradition für Anfänger

January 10th, 2011 § 0 comments § permalink

Ich habe nichts gegen Kuschel-Katholiken wie Harald Schmidt. Auch sonst bin ich in religiösen Fragen recht entspannt. Aber was ich neulich hörte, amüsierte mich auf eine gruselige Art und Weise. Und das kam so:

Bei einem gemütlichen Abend mit einem Glaserl Rotwein, erklärte mir eine gute Freundin (Katholikin), dass sie den Wein habe segnen lassen. Einen ganzen Karton voll. Und weil der Priester schon mal da war, hat er auch noch andere Sachen in der Wohnung gesegnet. Auf meine Frage, ob Priester beim Segnen wählerisch seien und was sie sonst noch so segnen, antwortete ein Bekannter blitzgescheit wie trocken: „Waffen zum Beispiel“. „Irgendein Haar hat jeder in der Suppe“, erwiderte die Freundin mit dem gesegneten Wein und einem milden Lächeln auf den Lippen. Meinen Einwand, dass das aber ein ganz schön langes Haar sei, ließ sie nicht gelten. So sind die Katholiken: In Kleinigkeiten großzügig.

Auch die Missbrauchsdiskussion sei im Grunde nicht dazu angetan nun alles in Frage zu stellen. Nein. Ist klar. Und diese unsägliche Verhütungs- und Zölibats- Diskussion: Es sei eben so, wie es ist. Punkt. Da rührt man nicht dran. Aha. Selten bin ich sprachlos. Da war ich es und stürzte das Glas mit dem gesegneten Rotwein in Einem hinunter. Sagen wollte ich nichts. Deeskalation ist das Schlüsselwort. Im neuen Jahr mag man nicht sofort einen hässlichen Streit verursachen.

Aber so ganz wollte ich die Sache dann doch nicht auf sich beruhen lassen. Was das denn mit Kirche, Religion und Glauben zu tun habe, fragte ich sie. „Alles“, war die Antwort. Das sei bei den Katholiken eben so. Eine Art Tradition. Wenn jemand von Tradition spricht, klingelt, bimmelt und schrillt bei mir alles. So etwas gibt es nicht. Das ist folkloristischer Dummsinn, der immer dann bemüht wird, wenn man keine echte Erklärung oder Rechtfertigung für etwas hat, das eigentlich ziemlich neben der Spur ist. Mit diesem Wort entzieht man sich flugs jeder ernsthaften Diskussion.

„Aber auch Traditionen müssen sich doch der Zeit, in der wir leben annähern, oder nicht“, fragte ich. „Nicht in der Religion“. „Aber das hat doch gar nichts mit Religion zu tun“. Das sah die Bekannte ganz anders. Und wenn Katholiken erst einmal in Fahrt kommen, dann bekommen sie so ein abschätziges, besserwisserisches Grinsen, mit dem sie dem armen Heiden-Kind zu verstehen geben wollen: „Mei, bist Du bleed!“ Und da kann ich drauf.

„Du bist doch alleinerziehend und unverheiratet. Wie kommt das denn so bei den Katholiken an? Ach ja, und um mal die Sparte zu wechseln: Du hast doch eine Uni besucht. Es war lange Zeit Tradition, dass Frauen nichts zu sagen hatten, sich ums Kinderkriegen und schöne Stickarbeiten kümmern sollten. Ich bin trotzdem froh, dass wir seit Anfang des 20. Jahrhunderts wählen gehen und eine Uni nicht nur zum Putzen besuchen dürfen. Insofern ist Tradition was für den Arsch. Auch wenn dieser zufällig katholisch sein sollte.“ Jetzt habe ich wieder Streit. Und das schon im neuen Jahr…

Gute Vorsätze…ach was: Schleicht Euch!

January 9th, 2011 § 0 comments § permalink

Das erste, was man durch Verzicht verliert, ist die gute Laune. – Ich finde, ich habe lange durchgehalten. Doch. Dafür, dass ich allen vorgeheuchelt habe, mich nie, also wirklich NIE-NICHT an dieser ganzen Neues-Jahr-Gute-Vorsatz-Suppe zu beteiligen. Belächelt habe ich sie alle und näselnd gesagt: „Ich mag Dich so, wie Du bist“, ergänzt durch: „Verbieg Dich nicht“ und all den anderen Kram. Das meinte ich ernst. Wirklich. Und nun das.

Am Neujahrsmorgen versuchte ich die verquollenen Augen zu öffnen, fasste mir an den matschigen Schädel, fiel beim Versuch aufzustehen aus dem Bett und latschte großfüßig in Flipper-Manier (jeder Türrahmen war mein) ins Bad. Beim Blick in den Spiegel war es beschlossene Sache: Abstinenz in jeglicher Form wird bis zum Frühling mein zweiter Vorname sein. Am Neujahrmorgen ist man schrecklich ungnädig. Schoki und Co. wanderten in den Müll. Das alte Yoga-Programm auf DVD wurde wieder raus gekramt. Und die Körner-Abteilung aufgemacht. Bis heute.

Heute bin ich wieder aufgewacht. Mit verquollenen, juckenden Augen, Kopfschmerzen und dicken Füßen. Ich tippe mal, ich bin gegen die Kräutertees allergisch. Dann kam noch der obligatorische dicke Dämpfer fürs Ego dazu und da tigerte ich wieder durch die Wohnung auf der Suche nach Süßem. Ich fand noch eine angebrochene Tüte Lakritze. Schön alt. –Zum Zahnarzt kann ich jetzt also auch noch gehen…na, vielen Dank, gute Vorsätze!

-Und achso….vielen Dank auch an Jean Pauls „Titan“: „Er habe, wenn er inbrünstig geliebt wurde zu sich gesagt, dass er sich selber ja nie so ansehen oder lieben könne; und ebenso könne ja das geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende, und wär‘ er noch so vollkommen oder so eigenliebig. Sähe jeder den anderen an wie er sich: so gäbe es keine Liebe mehr.“ –Genau!

Bitte mal frei machen!

January 6th, 2011 § 2 comments § permalink

Ich musste gestern in eine norddeutsche Kleinstadt zum Gesundheitscheck. Allein bei dem Wort „Gesundheitscheck“ fühle ich mich unbehaglich und horche Tage vorher bereits in mich rein. Es ziept, es drückt, es brummelt…ich kann auf gar keinen Fall gesund sein. Ich bin ein Wrack. Mit 29.

Dieses Mal sollte mir das nicht passieren. Ich achtete auf eine gesunde Ernährung, damit die Urinprobe nicht zur unangenehmen Riechprobe würde. Also teilte ich mir mit den Wintervögeln, die ich vor meinem Fenster mit Nahrung versorge, quasi die Essensration: Zwei Tage lang gab’s nur Körner, Gemüse und Kräutertees. Und dennoch: Das schlechte Gefühl blieb. Ärzte haben das seltene Talent mir jegliche Souveränität zu nehmen. Ich fühle mich durchschaut, ausgeliefert und bis ins Letzte analysiert. Zu meinen Ungunsten natürlich.

Es lief dann auch echt mäßig. Ich kam eine halbe Stunde zu spät zum Amtsarzt, nachdem ich in dieser hässlichen, verbauten, lieblosen Stadt (wäre diese Stadt eine Frau, wäre sie Courtney Love) das verdammte Gesundheitsamt nicht finden konnte. Und alle Deppen, die ich fragte, wussten es auch nicht recht. Furchtbare Städte, furchtbare Menschen. Nach einem nervenaufreibenden Parkplatzkrieg bei Glatteis, lief ich ins Amt, völlig verschwitzt, nervös, desaströs….am Ende. Die Assistentin war „not amused“. Deswegen überprüfte sie gleich einmal den Puls, der bei weit über 90 lag. „Viel zu hoch“, sagte sie spitzmündig. „Ach was“, japste ich.

Dann ging es weiter im Programm: Blutdruck messen, blank ziehen für die Lungen-Röntgenaufnahme, sich vermessen und wiegen lassen und dann, als vorläufiger Höhepunkt, die Urinprobe. Dummerweise hatte ich noch beim Eintritt ins Gebäude das Örtchen aufgesucht, um auf der Waage das ein oder andere Gramm einzusparen. Während man dann also so auf dem Gesundheitsamt einer piefigen Kleinststadt rumhängt und sich mühevoll versucht zwei, drei Tropfen aus der Blase abzuringen, überlegt man, was da wohl noch alles auf einen zukommen wird. Schließlich hatte man mir den Auftritt des Amtsarztes groß angekündigt.

Ich hatte immer noch tellergroße Schweißflecken unter den Armen, mein Puls war mit Sicherheit immer noch bei 90. Ich horchte wieder in mich rein und musste plötzlich an Ottos Sketch denken: Kleinhirn an Großhirn. Da betrat er auch schon den Raum: der groß angekündigte Amtsarzt, dunkelhaarig, groß…und Gott sei’s gedankt: Überhaupt nicht mein Typ.

Ich benahm mich die folgenden 20 Minuten dennoch wie ein absoluter Seppel. Falls ich körperlich gesund sein sollte, so würde er mit Sicherheit vermerken, dass ich geistig nicht ganz klar bin. Oder aber zumindest einen zweifelhaften, infantilen Witzgeschmack habe. Der Aufforderung mich „oben rum frei zu machen“, kam ich mit den Worten nach: „Na dann werde ich meine Bikini-Figur mal freilegen“ (Im Kopf lief folgender Soundtrack, als ich mich auszog“ You can leave your hat on“). Der Blick des Arztes, als über der Jeans eine Speckrolle unmotiviert zum Vorschein kam und beim Hinlegen auf der Untersuchungsliege nachwippte, war unbezahlbar.
Dann wieder eine Schrecksekunde: Er tastete meine Leber ab. Hatte sich meine Leber von den Strapazen des Silvesterabends schon wieder erholt? „Kleinhirn an Leber: Wachse mit deinen Aufgaben“, kommentierte ich laut und dachte: „Großhirn an Laura: Schnauze halten!“ Der Arzt lachte milde, betastete dann noch die Milz, meine Wirbelsäule, beglückwünschte mich zu meiner einwandfreien Lunge und Urin. „Ein edles Tröpfchen“, ereiferten sich meine Sprach-Synapsen zur nächsten verbalen Peinlichkeit. Da tat mir der Arzt ein bisschen leid, denn er lachte über den Fips Asmussen-Gedächtnis-Geck. Da sieht man mal wieder, dass solche Menschen allgemein wenig zu lachen haben…Ein Herz für Ärzte!