Während zu meiner Schulzeit über all diejenigen herzlich gelacht wurde, die in der zehnten Klasse immer noch nicht fehlerfrei und flüssig lesen konnten, ist es heute umgekehrt. Und wer gut in Mathe ist oder über das Paarungsverhalten von Bienen Auskunft geben kann, ist ein Voll-Horst.
Früher machte sich unser Schuldirektor höchstpersönlich ein Bild vom Bildungsstand, der herrschenden Moral und den Manieren seiner Schüler. Danach wurde gehandelt. Gern auch unbürokratisch und manchmal am Rande eines Disziplinarverfahrens- dafür aber effektiv. Heute gibt eine alljährliche Studie Aufschluss über die angebliche deutsche Bildungsmisere und verrät, wo die Dümmsten wohnen und wo die Schulen am besten sind. Faktoren wie Schülerzahlen, Klassengrößen, Lehrerquoten und auf Grund von sprachlichen Defiziten, lernschwache Schüler, werden großzügig heraus gerechnet.
Doch nun fangen die mühseligen Diskussionen wieder an und die wahnwitzigsten Schul-Modelle werden hervor gekramt. Nach Leistung sollen Lehrer bezahlt werden. Alle Haupt- und Grundschullehrer werden über diesen Vorschlag müde lächeln. Sie verdienen ohnehin pauschal 800 Euro netto weniger als ihre anderen Kollegen.
Dass ein Hauptschullehrer in bestimmten Regionen Deutschlands unendlich viel Arbeit mehr leisten muss, wird schlicht weg ignoriert und honoriert sowieso nicht. Im Gegenteil: Diese Lehrer werden stets damit konfrontiert, dass die Schulform in der sie arbeiten, überflüssig zu sein scheint. Seit Jahren wird darüber geredet die Hauptschulen zu schließen. Und peu à peu wird dieses Vorhaben stellenweise auch in die Tat umgesetzt.
In einer Schule in Celle zum Beispiel hat man derart große Angst vor einem noch schlechteren Ruf und somit sinkenden Schülerzahlen, dass man bestimmte heiße Eisen in der Öffentlichkeit gar nicht mehr anfasst. Seit geraumer Zeit belästigt dort massiv ein Mann die Kinder direkt vor der Schule. Intern bespricht man das Problem, warnt und unterrichtet die Polizei (die sich nicht zuständig fühlt, da ja nichts bislang passiert ist). An die Presse geht man jedoch nicht, weil man fürchtet dann dicht machen zu müssen. Über die zunehmende Zahl an offensichtlich verwahrlosten Kindern spricht man lediglich im Stillen mit dem Jugendamt (das sich ebenfalls nicht wirklich zuständig fühlt).
Und die Schulämter lauern nichtsnutzig im Verborgenen, um den Hauptschulen den Garaus zu machen. Doch was, wenn die letzte Hauptschule geschlossen hat? Wird dann alles besser und die Kinder schlauer? Ist es nicht so, dass man die Probleme vielmehr ungelöst irgendeine Schulform weiter schickt? Nach dem Motto: Neue Verpackung, neuer Name –altes Dilemma? Raiders schmeckt schließlich auch nicht besser, seit es Twix heißt. Wenn Chantal oder Justin plötzlich zur Realschule statt zur Hauptschule gehen und ihre Klassenlehrerin durch Fortbildungen und einen modernisierten Bildungsplan nachgerüstet hat, ändert das nichts an der Tatsache, dass Chantals Mutter gerne prügelt und Justins Vater am liebsten den ganzen Tag vor dem Computer sitzt.
Das Schulproblem ist – und das war auch schon zu meiner Schulzeit so- eigentlich in erster Linie ein Gesellschaftsproblem. Und wenn der PISA-Test überhaupt irgendetwas zeigt, dann ist es das.
Ich weiß, ist etwas kurz: Sehr, sehr guter Artikel!
BTW: Summe aus 6+7? Dreizehn!
Komm ich jetzt im Fernseh’n?
na, aber klar!:O)