Wer guckt denn schon den deutschen Fernsehpreis? Außer den geladenen Gästen, die sich vor und während der Veranstaltung schon mit gratis Alkohol und Koks versorgt haben, wären da wohl nur noch die, die auf dem Sendeplatz –wie immer- Florian Silbereisen erwarten. Und beim Anblick von Thomas Gottschalk arglos denken: „Mei, der Flori is aber groß geworden!“
Marcel Reich-Ranicki hat diesem nichtigen Selbst-Huldigungs-Event im Grunde einen riesen Gefallen getan, indem er einen Preis ablehnte, der ohnehin keinerlei Relevanz hat. Ohne diesen Eklat, hätte niemand Notiz von dem Treffen der anonymen Fernsehmacher genommen. Und die ganze Folgediskussion, mit der die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ganz nebenbei ihr Freitagsloch im TV-Niemandsland füllen, wäre auch nicht auf dem Schirm gewesen.
Die Diskussion zwischen Gottschalk und Reich-Ranicki hat im Grunde nichts Elementares zu Tage gefördert und man hatte ohnehin die ganze Zeit den Eindruck, dass der blond gelockte Moderator zum Monologisieren, Nicht-zu-Wort-kommen-lassen und Phrasendreschen abgestellt wurde. Wenn Reich-Ranicki jedoch einmal zu Wort kam, sagte er zumindest an einer Stelle etwas, das ganz und gar wahr ist. Als es noch kein Fernsehen gab, hatte das Theater eine ähnliche Stellung inne, wie heute das bewegte Bild. Und Schiller hat in seinem Essay bekräftigt, dass das Theater die Aufgabe hat zu unterhalten. Und der größte Unterhaltungsdichter war und ist Shakespeare.
In Goethes Altersaufsatz „Shakespeare und kein Ende“, beschreibt Goethe das Werk des Dichters als „großer belebter Jahrmarkt.“ Goethe erkannte in dem englischen Dichter jemanden, der die Menschen beobachtet und so ihre Lage, ihr ganzes Leben in jeder Szene so real gestaltete, dass jeder sich selbst, oder zumindest ein Stück von sich, in seinen Werken wiederfinden konnte.
Nun könnte man zu dem Schluss kommen: Der Zuschauer von heute sieht aus, lebt und webt so wie, zum Beispiel, Cindy aus Marzahn. Und für einen gewissen Prozentsatz der deutschen Zuschauerschaft mag das auch zutreffen.
Allerdings hat Goethe, als Generalintendant des Weimarer Hoftheaters (1791-1817), auch noch etwas anderes interessantes in diesem Zusammenhang gesagt: „Ich gehe sehr piano zu Wercke, vielleicht kommt doch fürs Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mirs Pflicht diesen Theil näher zu studiren, alle Jahre ein Paar spielbare Stücke zu schreiben. Das übrige mag sich finden.“ Goethe wählte bei den Stücken, die in Weimar gegeben wurden eine Mischung aus Zerstreuung und durchaus anspruchsvoller Kunst. Denn er war sich darüber bewusst, dass das Publikum nicht sonderlich an Bildungs- und Belehrungsabsichten interessiert war.
Übertragen auf die Fernsehlandschaft heißt das im Grunde nur, dass vor allem gute Drehbuchautoren und Konzepte fehlen und nicht, dass das Publikum dumm ist und deswegen jeden Sonntag mit Rosamunde Pilcher zugedröhnt werden möchte. -Wer keinen Alkohol kennt, sieht und zu fassen bekommt, wird schließlich auch kein Alkoholiker. Zwischen Atze Schröder und einem Themenabend bei Arte fände man genug Spielraum für Schönes, das niveauvoll unterhält. In diesem Sinne: „All´ s well, that ends well.“