Neulich erinnerte ich mich im Buchladen an das, was ich vor ein paar Jahren dort entdeckte: Marcel Reich-Ranickis ganz persönlicher Literatur – Kanon mit Werken von Goethe, Mann, Grass und den anderen üblichen Verdächtigen.
Ich habe mich schon während meines Studiums hin und wieder über diesen Begriff, der im literarischen Bereich einst im 18. Jahrhundert von dem Philologen Ruhnken eingeführt wurde, geärgert. Denn die Tatsache, dass jemand glaubt die für die jeweilige Zeit normsetzenden und wesentlichen künstlerischen Werke herauspicken zu können, halte ich für problematisch. Letzten Endes muss man sich angesichts der Liste der immer wieder genannten Literaten fragen: Was war zuerst da? Ei oder Henne?
Wenn jemand ein Werk zum Kanon zählt, macht dann nicht erst dieser Umstand das Werk tatsächlich zu etwas, das die Zeit überdauern kann? Und ist dann nicht das Gerede über diesen und jenen Kanon als eine große Werbekampagne –nicht zuletzt für die eigene Eitelkeit des Kanon-Machers- zu betrachten? Ranicki lässt es sich gern gefallen als Literatur-Papst bezeichnet zu werden. Und er weiß, wenn er sagt, dass das Sandmännchen fortan zum Literatur-Kanon gehört, genug Lemminge in den nächsten Buchladen spurten, um des Meisters Empfehlung begierig zu kaufen und sich nacher auch noch unheimlich schlau dabei vorkommen.
Die literarisch-historische Vergangenheit hat vor allem eines gezeigt: Ein Kanon macht nur da Sinn, wo man bewusst ausklammern und diskriminieren möchte. Im 18. Jahrhundert schaffte es beispielsweise keine Frau –selbst wenn sie ein Zwitter (halb Goethe, halb Shakespeare) gewesen wäre- als Kanon-würdig zu gelten. Nun im 21. Jahrhundert haben es einige wenige endlich in Lehrpläne und sogar in einige Kanon-Sammlungen geschafft. Viel zu spät. Für die Literaten und für die Leser.
Und nun will Herr Reich-Ranicki uns auch seinen ganz eigenen Fernseh-Kanon verkaufen (und nebenbei sicher ein paar Bücher). Auch hier ärgere ich mich ein wenig über so viel Arroganz und gleichzeitiger Engstirnigkeit. Und ich weigere mich, mich ebenfalls auf die ausgelatschten Trampelpfade zu begeben, wie all die anderen Lemminge, die nun schnell die Üblichen verdammen und in Massen bekunden: Privatfernsehen ist der letzte Dreck. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hingegen sind nur ein bisschen dreckig. Und Schmuddel-light ist ja in Ordnung.
Ich lese, was ich will. Ich schaue im Fernsehen, was ich will. Und ich lasse mir nicht diktieren, was ich gut zu finden habe und was künstlerisch als besonders wertvoll eingestuft wird. Denn der Kritiker bin ich. Und ich kann selber denken.
Ich hab Dich als neue Moderatorin für “LESEN” vorgeschlagen…
Ich denke es klappt!Wen willst Du als ersten Gast?
hat karl heinz schwensen vielleicht zeit?