January 17, 2008

StudiVZ – sind wir nicht alle ein bisschen DDR?

Zugegeben, man hört ja in letzter Zeit so Einiges von StudiVZ, eigentlich nur unschmeichelhaftes. StudiVZ ist ein bisschen so wie Britney: Mal ganz oben, dann Schmuddelgeschichten, dann Entzug und die Schwierigkeit an alte Erfolge anzuknüpfen und plötzlich sind die Kinder weg.

Ich als mehrmonatiges Kind des Poesiealbums für Studenten habe jetzt einen Schnitt gemacht (ich hab´den Laden quasi hingeworfen, wie Heinrich Lohse). Warum? Wegen den neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen? Wegen der schlechten Presse? Das wären allesamt gute Gründe. Und ehrlichgesagt reichen mir die Spam-Mails schon, die sich derzeit in meinem Postfach tummeln und mich über Penisverlängerungen, teure Uhren, sexuelle Abenteuer und die dazu nötigen Medikamente informieren. Auch sonst bin ich sehr gut mit Werbung versorgt, danke.

Der eigentliche Grund mich bei StudiVZ abzumelden liegt in der Informationsdichte, bzw. in dem lückenlosen Informations-Ausspionierungsnetzwerk, das die Menschen, die da angemeldet sind entwickelt haben. Da müssen gar keine Computer mehr beschlagnahmt oder Leute auf vielfältige Weise abgehört werden, solange wir nur StudiVZ haben…

Natürlich geht mir auch auf den Keks, das manche tatsächlich glauben, StudiVZ sei wie neu.de. Dieses unsägliche „gegruschel“ (hat das eigentlich die Diddl-Maus erfunden?) oder diese dämlich anbiedernden Einträge von völlig fremden Männern auf meiner Pinnwand : W-i-d-e-r-l-i-c-h! Zum Teil wurde man ja schon im Supermarkt um die Ecke angequatscht: „Bist du nicht bei StudiVZ?“ -  „Äh, ich muss weg!“

In diesem virtuellen Partnermarktplatz tummeln sich aber keineswegs nur Studenten. Jeder, aber auch wirklich jeder, der irgendwann mal eine Grund- oder Baumschule besucht oder schon einmal eine Universität mit eigenen Augen gesehen hat ist dort angemeldet. Professoren und spätere potentielle Arbeitgeber nutzen StudiVZ um zu sehen, wer da vor ihnen sitzt. Und nun darf auch endlich die Werbung mal bei einem vorbeischauen.  Und wenn man auf seiner Pinnwand mal einen Eintrag hatte, in dem ein guter Freund sagte: „Vielen Dank noch mal für gestern Abend.“ (Was manchmal einfach nur hieß: Danke, dass du dir zum 10.000sten Mal meine Probleme angehört hast und ich mir das Geld für einen guten Psychologen sparen kann). Dann hieß es gleich: Ohlala, da geht doch was! Und eh man sich versah, wusste es die ganze Uni und in der Cafete klopfte man dir anerkennend auf die Schulter.

Wenn man seinen eigenen Voyeurismus auch mal befriedigen wollte, ging man bei Menschen, die man von früher kannte auf die Seite. Und meist wunderte man sich eigentlich nur angeekelt, wie viel so manche Leute von sich in Form von Fotobildern  (einige haben Fotoalben mit solch klingenden Namen wie: Me, myself and I), Interessenlisten und Verlinkungen preisgeben.  Ich glaube einige würden auch gern noch zeigen, wie sie sich rektal etwas einführen. Hauptsache: Es sieht jemand.

Zu einem anderen Problem wurden für mich allerdings mehr und mehr die Freundschaften. Denn zwischenzeitlich ergab es sich in einigen Fällen, das man sich zerstritten hatte. Die Freundschaft zu kündigen, kam mir meist irgendwie dumm vor. Allerdings wollte ich auch nicht, dass solche Leute weiterhin an meinem Leben teilnehmen. Während eine Freundin sich wöchentlich bei mir ausließ, bei wem sie was gelesen hat und was für einen Reim sie sich darauf machte, wuchs in mir die Vorstellung von dem ganzen Gedöns quitt zu werden. Ich wollte nicht weiter als Objekt zum bestrolchen, ausspionieren oder analysieren dienen. Also meldete ich mich Ende letzen Jahres ab. Eine viertel Stunde später klingelte bei mir das Telefon und eine Freundin fragte aufgeregt, warum ich nicht mehr bei StudiVZ sei.  –Willkommen im Überwachungsstadl!

10 Comments

  1. Anna Licht says:

    “Me, myself and I”

    Hahaha, danke, endlich sagt’s mal jemand =D

    Sehr nette Einleitung und ein interessanter Erfahrungsbericht.

  2. Martin Schneider says:

    Alternativ zum Totalaustritt hättest du auch einfach den Profil radikal eindampfen können.

    Ich betreibe mein Profil als “Visitenkarte”, soll heißen es sind auch nur wenige Information eingefüttert (Name,Studienfach,Wohnort und ein neutrales 0815-Passfoto).

    Gruppenmitglied bin ich nur in “neutralen” Gruppen:
    “Einwohner/Mitglieder/Ehemalige aus $Dorf/$Schule/$Kindergarten/$Abijahrgang” usw.
    Für den eventuellen Arbeitgeber oder sonst Jemand: Kritische Relevanz geht gegen 0.

    Dumme Einträge auf der Pinnwand -> Löschen.
    Die Selbstdarstellungsauswüchse die es teils gibt -> Ignorieren.
    Gruscheln -> Ignorieren.

    Und warum ist das Auflösen der Freundschaften dumm, wenn du nicht mehr willst das die Leute deine Details einsehen können? Wichtig sind nur Leute die du nachts um 3 anrufen kannst um eine Leiche verschwinden zu lassen und _darunter_ dann noch die mit denen man intensiv an der Uni zusammenarbeitet oder sonstwie Zeit mit verbringt. Der Rest ist nur “nice-to-have”. Klar ist das nicht schlecht wenn man bei den Leuten die man “selten” trifft einen Kontaktpunkt im StudiVZ hat; aber die mit denen du dich zerstritten hast -> gnadenlos über Bord werfen.

  3. Laura says:

    Gegenfrage: Warum bist Du denn dann überhaupt bei StudiVZ?

    Denn das hört sich ja alles nach extrem viel Arbeit (fast einem Ganztagsjob), innerer Ruhe, dem Willen zur Ignoranz und vollkommenen Selbstbeherrschung an.Der Dalai-Lama wäre sicherlich stolz auf dich!

    Und vielleicht hast Du meinen kleinen Erfahrungsbericht auch leicht missverstanden: Ich sage nicht: Menno, wenn das nicht wäre, dann wär ich noch bei StudiVZ. Unabhängig von diesen Kindereien wäre ich auch nicht mehr mit von der Partie, denn: 1. bin ich aus dem Alter raus und auch keine Studentin mehr und 2. Reichen die Neuigkeiten des letzten Jahres in Funk, Fernsehen, Zeitung und Netz (wenn man sich da gerade auch an die ersten (Schmuddel-)Berichte über StudiVz und seinen Erfinder zurückerinnert)aus, dem Ganzen den Rücken zu kehren.

    Aber: Jeder Jeck ist eben anders.

  4. Robert says:

    Haha.

    Diese dämlichen Sprüche à la “Bisse gar nich mehr bei StudiVZ?” und “Warum hast du dich gelöscht?” musste ich mir kürzlich auch mehrfach anhören. Das kommt davon, wenn man über 200 so genannte “Freunde” hat, von denen einige nichts anderes zu tun haben als ständig ihre Freundeslisten durchzuklicken, wobei ihnen dann auffällt dass sich jemand abgemeldet hat. Schade aber auch. Ich jedenfalls habe mich nach der Löschung meines Profils sehr befreit gefühlt.

    Viele Grüße :-)
    Robert

  5. Laura says:

    genau!-wir sind wieder frei!!! wir könnten ja ne kampagne starten mit dem namen: free studivzler!

  6. Tobat says:

    Also, nur zu Beginn, ich bin auch aus dem Netzwerk dieser Überwachung mit den Änderungen des Datenschutzes ausgetreten.

    Nur will ich hier nochmal auf Freiheit des Menschen in philosophischer Sicht hinweisen. Frei!!!! sind wir aber sowas von überhauptnicht!!!!

    StudiVZ war und ist immernoch nur eine von vielen Möglichkeiten von dritten Personen Menschen zu statistischen Grössen zu machen. Sowohl werden diese Daten als einzelne Daten, somit nicht mehr nachvollziehbar für den Nutzenden, angeblich, weiterverkauft an Dienstleister, meist Callcenter.
    Dies trägt dazu bei,dass die Flut an Werbung, welche wir in jeglichen Medienmechanismen ertragen müssen, sich erhöht, sagten wir expotenziert.

    Andere, beängstigendere Datenschutzbestimmungen werden uns ebenfalls eher früher als später auf die Füsse fallen. Logins als auch Klicks auf bestimmten Seiten führen zu einem Eintrag in Benutzerakten/Datenakten über den ganz perönlichen Weg im dtww.

    Ach und Robert, genau die Daten, die du angibst sind relevant.

    Weitermachen!!!

  7. Tobat says:

    Ohh verlesen, ich mein doch Martin Schneider!!!!

    Deine Daten sind relevant.

  8. [...] Langeweile kann zuweilen seltsame Auswüchse haben. Als ich noch bei StudiVZ angemeldet war überlegte ich an einem regnerischen und trostlosen Nachmittag, wie ich ein wenig Pep in die [...]

  9. [...] sieht man sich ja noch mal wieder. Komm´ doch mal auf einen Kaffee vorbei. Ich bin bei StudiVZ. Schreib´ mir doch mal! Ach ja, und meine E-Mail Adresse und meine Mobilfunknummer sind immer [...]

  10. Deloris Nabity says:

    Juhu endlich habe bei dir hier in dem Artikel genau das gefunden was ich gesucht habe. Ich dachte schon das ich im Netz nichts mehr finde und bin beinahe verzweifelt. Aber jetzt bin ich erst mal gluecklich vielen dank noch einmal.

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