„Das Alter eines Menschen ist eine statistische Fiktion. Ich kenne viele freudlose Dreißigjährige, die viel älter sind als wir“. An dieses Zitat aus einem Brief Thornton Wilders musste ich heute unwillkürlich denken, als mir nacheinander drei sehr traurige Männer begegneten.
Der Erste erklärte mir recht umständlich, dass er sich nun mit Anfang 30 sehr alt vorkomme. „Das war nicht so, als die Zwei noch vorne stand“, beteuert er mit großen, aufgerissenen, blauen Augen und lacht dabei nervös. Eigentlich müsste er doch jetzt in diesem Alter eine Familie gründen. Alle seine Freunde hätten schließlich bereits Nachwuchs und bald müsse er schon wieder auf die nächste Hochzeit eines Freundes. Das mache ihn irgendwie fertig. Seine Eltern drängelten ihn auch schon, seiner Freundin einen Antrag zu machen. Mit 20 sei er entspannter gewesen. Eigentlich müsste ich denken: So ein Depp. Stattdessen tut er mir leid.
Der Zweite sagt, sein Vierzigster, sei toll gewesen, aber vor der 50 im nächsten Jahr, habe er ganz schön Respekt. „Ich frage mich die ganze Zeit: Soll das alles gewesen sein?“ Sein Lebensziel sei glücklich und zufrieden zu sein, aber er sei es einfach nicht und wisse nicht was er ändern könnte. Er macht jetzt seit ein paar Jahren Sport und hat mittlerweile 30 Kilo abgenommen. Er fühle sich jetzt zwar gesünder, aber geändert hätte das auch nichts. Das mit der 50 sei schon was, das ihm ganz schön an die Nieren geht. Er fingert eine Schachtel Zigaretten aus dem Marken-Jackett und als er sich den Glimmstengel mit dem Dupont-Feuerzeug anzündet schaut er gerade so, als wäre ihm auch das nicht recht. Nach dem ersten Zug, erklärt er sich weiter, und erwartet gar nicht, dass ich etwas sage. Eigentlich müsste ich ihn an seinen Schultern packen, schütteln und sagen: „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ – Stattdessen tut er mir leid und ich lasse ihn reden. Und reden. Und reden.
Der Dritte erklärt mir, dass er ganz schön allein sei. Frau weg, Kinder aus dem Haus und der Sechzigste ist auch nicht mehr fern. Noch vier Monate. Dann fährt er aber irgendwo hin. Bloß nicht feiern, gibt ja eh keinen Grund. Und dann findet er doch noch einen Vorzug des Alters: Erfahrung. Er fährt sich durchs schüttere Haar und sagt, dass das Alleinsein das Schlimmste sei. Eigentlich sollte ich denken: Wenn der dich noch weiter so anschaut, wie es sich eigentlich in dieser Konstellation nicht schickt, solltest du schleunigst Land gewinnen. Stattdessen tut er mir leid, aber ich gewinne dennoch schleunigst Land.
Seit ich 17 bin, bekomme ich jedes Jahr eine Krise vor meinem Geburtstag. Jedes Jahr fragte ich mich: Und was hast du in diesem Jahr erreicht? Die Antwort fiel meistens nicht so aus, wie ich es mir erhofft hatte. Einen Geburtstag habe ich sogar mal komplett heulend unter der Bettdecke im Bett verbracht. Geburtstage sind seit der Pubertät einfach nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn ich nochmal einen Geburtstag feiern sollte, dann nur mit Topfschlagen und Sackhüpfen. Und am Ende muss einer den ganzen Kartoffelsalat auf die Terrasse kotzen und mein Vater muss sich genervt mit dem Gardena-Gartenschlauch da hin stellen und das Malheur beseitigen.
Aber diese ganze Geburtstags-Phobie-Arie ist doch im Grunde total dämlich. Erstmalig ist mir das Brause. Denn dieses Jahr habe ich mir in einer meiner Mittagspausen Folgendes überlegt: Die Fragestellung ist vollkommen verkehrt. Es muss heißen: Was willst du noch erleben und nicht: Was hast du bis jetzt erreicht. Das Schicksal macht doch eh, was es will. Also kümmere ich mich um den Rest. So. Und jetzt hört mir dieses dumme Gelaber übers Alter, Älterwerden und so weiter echt mal auf! Meine Oma hat immer gesagt: „Sei froh, dass du älter wirst. Wenn es nicht so wäre, wärst du tot“. Den ostpreußischen Pragmatismus liebe ich.