Trümmerfrau

July 6th, 2010 § 0 comments

Ich habe Laune. Also ziemlich miese Laune. Obwohl so richtig mies auch nicht. So ein Zwischending. Irgendwas halb-gares. Ich brüte quasi was aus. Und das ist nichts, was man mit einer Tafel Schokolade regeln könnte. In solchen Lebenslagen greift mein eigens ausgeklügeltes Ablenkungs-Manöver: Ich räume auf. Manchmal Tage lang. Eine Trümmerfrau im Geiste.

Heute war mein Auto dran, das ich sonst gern vernachlässige. Bei diesen umfangreichen Aufräumarbeiten wurde Erstaunliches zu Tage gefördert. Neben leeren Flaschen, Fahrkarten und Werbe-Briefen, fiel mir ein wahrer Stimmungs-Aufheller in die Hände: Mein aktueller Steuerbescheid. Ganz unten im Seitenfach hatte es sich der mit Maschine geschriebene Schrieb richtig gemütlich gemacht und sich bereits mit den leeren Kaugummi-Packungen angefreundet. Eine „Killers“-CD verpasste ihm den richtigen Pfiff mit einem Knick. Jedes Jahr um die Weihnachtszeit falle ich bei meinen Eltern mit einem ominösen, weißen Karton ein. Schweißgebadet lasse ich die unscheinbare Kiste beiläufig auf den Tisch direkt vor meinen Vater fallen und wünsche „viel Spaß damit“.

Steuererklärungen sind einfach nicht mein Ding. Auch dieser ganze andere Kram, wie Versicherungen (ich bin bestimmt vollkommen unterversichert, Herr Kaiser), Krankenkassen- und Bank-Sachen. Dafür bin ich einfach nicht gemacht. Ich halte gern einen Plausch mit der netten Dame bei meiner Bank und gebe bereitwillig Auskunft über das tagesaktuelle Geschehen, aber über Wertpapiere, Bundesschatzbriefe und Bausparverträge möchte ich nichts hören. Das ist mir alles zu abstrakt. Das nervt. Da muss mein Vater dann ran.

Und dass der seine Sache ganz gut macht, sehe ich auf meinem aktuellen Steuerbescheid. Ein paar hundert Taler bekomme ich zurück, kann ich dem Schreiben entnehmen, das so aussieht, als wäre es noch mit einer Schreibmaschine aus dem 2. Weltkrieg getippt worden. Das Finanzamt will uns glauben machen, dass der technische Fortschritt bei ihnen noch keinen Einzug gehalten hat. Statt mit dem Computer, schreiben sie auf rostigen, antiquierten Schreibmaschinen. Statt ein Telefon zu besitzen und auch hin und wieder Anrufe zu beantworten, nutzen sie ausschließlich die Wege der Post. Egal, wie lange das manchmal dauert. Statt einem Taschenrechner gibt es bei den fleißigen und sparsamen Beamten nur bunte Rechenschieber. Und statt guter Laune und einem freundlichen Wesen, sitzt hinter mancher Tür ein Echsen-schuppiger, Ein-Beiniger, grunzender und aggressiver Mensch (oder eine entfernte Art davon). Ist ja auch egal. Ich muss mich mit denen eh nicht rumschlagen. Dafür habe ich Vati.

Meiner Unfähigkeit schäme ich mich nicht, und mein Vater freut sich, dass ich wenigstens auf diesem Feld noch auf seine Hilfe angewiesen bin. Schließlich habe ich mir seine Domäne (Autos) erst vor kurzem erobert, als er kleinlaut zugeben musste, dass ich mit den Jungs aus der Werkstatt einfach besser kann. Vielleicht muss mein Vater auch einfach nur an seinem Augenaufschlag noch ein bisschen arbeiten…

Doch die Entdeckungsreise war an diesem Tag noch nicht vorbei. Mein lang vermisster Weihnachtsteller mit Krümmel-Monster Motiv tauchte urplötzlich im Kofferraum unter einem wattierten Wintermantel auf. Sehr schön. Meine kleine Nichte wird sich drüber freuen.
Auch meine längst als vermisst gemeldete U2-CD mit allen Evergreens, grüßte unter dem Sitz hervor. Mit den Jungs von Beatsticks, Franz Ferdinand, Incubus und Jet hingen die Iren unter dem Beifahrersitz rum. Ob das der allerbeste Umgang war, naja…

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

What's this?

You are currently reading Trümmerfrau at anjejackert.de.

meta