Ich kann mit meiner Mutter problemlos in den Urlaub fahren, mit ihr über Literatur diskutieren, sie nach seltenen Blumensorten fragen oder nach dem Rezept für Kartoffelsalat, ich kann mit ihr ins Theater gehen oder zum Friseur- alles ohne größere Vorkommnisse. Allerdings in den Osten, also in den Osten Deutschlands, kann ich mit ihr nicht mehr fahren. Nie mehr. Und zwar aus Angst, die Bewohner der östlicheren Gefilde könnten sich spontan zu einer Art Mob formieren. Dann wär´s das für uns gewesen und dass, obwohl wir nicht mal Ausländer sind. Was den Zorn der gesamten östlichen Bevölkerung (und ein paar Rechte wären bestimmt auch wieder mit von der Partie, wegen dem Training) auf uns ziehen würde? Die Worte meiner Mutter. Und zwar jene Worte, die seit etwa 1996 nicht mehr aus ihrem zentralen Sprachhirn wegzudenken sind.
Meine Mutter war demnach keineswegs von Anfang an gegen Widervereinigung, Rotkäppchen-Sekt, grüne Pfeile, Gysi und Andrea Kiewel. Sie stand dem Ganzen offen gegenüber und hoffte nur, die würden schnell Hochdeutsch lernen. Ja, sie hatte sogar Mitleid mit den vielen, die unter Erich und Margot, der SED (na sowas, die gibt´s ja heute noch) zu leiden hatten. Ihr taten die Heimkinder leid, die oft grundlos von ihren Eltern getrennt wurden. Ihr taten die Angehörigen leid, die jemanden an der Mauer verloren hatten. Eigentlich war meine Mutter zum Zeitpunkt der Maueröffnung in einer Stimmung, in der sie jeden, der von drüben kam an ihr Herz gedrückt hätte (also im rein platonischen und zwischenmenschlichen Sinn). Aber dann kam die Wende.
Es fing mit Margots Rente in Chile an. Das sei ein Schlag in das Gesicht all jener, die unter dem Regime Honeckers gelitten hatten und jetzt arbeitslos, weil mies ausgebildet, unseren Kassen zur Last fallen. Und damit sind wir beim nächsten Punkt: Dem Solidaritätszuschlag. Meine Mutter hat mich stets sozial erzogen. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter hat dabei immer eine große Rolle gespielt. Klar, wenn du das heute Kindern erzählst lachen sie dich aus, treten dir vors Schienbein und klauen dir deine Tasche. Aber für mich hatte das damals eine Bedeutung, eine Art Vorbildfunktion, bis meine Mutter die Geschichte nach der Wiedervereinigung verfremdete. Denn plötzlich kam sie jedem, der von Solidarität und Brüderlichkeit sprach mit dem Samariter und fragte wieviel der denn noch ausziehen und zerteilen solle. Und ob er sich aus Solidarität ein Bein abtrennen soll, damit andere was zu essen haben oder ob er sich seine Haare abrasieren soll, damit sich andere eine schicke Mütze daraus machen können. –Ab diesem Zeitpunkt mochte ich die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht mehr.
Als wir dann 2004 mit dem Zug nach Weimar fuhren, vorbei an neuen Brücken, Autobahnen, Industriegebieten und hübsch restaurierten Städtchen und Dörfchen, platzte meiner Mutter im vollbesetzten Abteil der Kragen: „Hübsch haben sie es hier. Alles schön von unserem Geld. Und in Duisburg oder in der Dortmunder Nordstadt sieht es aus wie in der Bronx. Manche Straßen sind in einem Zustand, als hätten die Römer sie noch errichtet. Bald müsste es eigentlich Aufbau West heißen. Und dann meckern und nölen die immerzu und erzählen wie toll es beim Erich war. Ja, da sag ich: Bauen wir die Mauer doch wieder auf, aber dieses Mal richtig!” Während ich vom Sprachinhalt her dachte ich sitze an einem Stammtisch in Oer-Erkenschwick, schaute ich vorsichtig um mich herum, um die Lage zu sondieren und eventuelle Fluchtwege auszuspähen. Stattdessen stimmten die restlichen Abteilsitzer (Rentner) in den fröhlichen Reigen mit ein. Ich stellte mich schlafend.
In Weimar angekommen, kroch ich jedem Einheimischen förmlich hinten rein, um prophylaktisch etwaige verbale Entgleisungen meiner Mutter gut zu machen. Das gelang auch, bis wir bei einem Antiquitäten Händler nach dem Preis für eine Lampe fragten. Den Preis, der zugegeben jenseits von gut und böse lag, kommentierte meine Mutter mit: „Ich glaube wir finanzieren ihnen schon ein sehr angenehmes Leben und zum Dank meinen sie, sie könnten uns jetzt verarschen.” Sprach´s und ging. Aus Verlegenheit kaufte ich dem verstörten Mann zwei Bücher ab und murmelte im Rausgehen, dass meine Mutter ihre Medikamente gegen die Wechseljahre heute noch nicht genommen hätte.
Solidarität verpflichtet eben- manchmal aus zweifelhaften Gründen.
[...] geld Go Sozialkunde-Unterricht – z80crew (dem ob solch dummdreisten Blödheiten gern mal der Hut hochgeht!) [...]
ääähhhh ….häääääääääääääääääää? großhirn an kleinhirn, verlink doch bitte in zukunft jemanden anderen mit deinem kryptischen zeugs…