Uni: Leben, Leiden und kein bisschen Hoffnung (Teil 1)

January 25th, 2008 § 2 comments

Am Ende meiner Laufbahn als Studentin stand die Exmatrikulation. Mehr nicht. Ich stand in einer schmucklosen Schlange mit Menschen bei deren Anblick ich mich fragte, ob ich eventuell doch bei einem Popstars-Casting gelandet sei. Der Mann im Studierendensekretariat konnte mich aber schnell beruhigen, während er mich aus der Matrikel elektronisch strich: „Die sehen jetzt hier alle so aus. Is wohl Mode.” Er wies bei diesen Worten auf eine junge Frau (meine Mutter würde Bordsteinschwalbe sagen), die goldene Highheel-Stiefel trug, sich die Haare wie Cindy Lauper auf Speed hochtoupiert und in dem Gewusel auf dem Kopf auch noch ein buntes Stirnband kunstvoll mit eingearbeitet hatte. Dass sie selbstredend auch noch ein Oberteil trug, an dem sich allerlei Gebamsel befand und das bis zum Bauchnabel ausgeschnitten war, versteht sich von selbst. Die folkloristische Bauernmalerei im Gesicht auch. Die hautenge Jeans, die sie dazu trug, roch schon von weitem nach den Chemikalien, die in Indien, die kleinen Kinderhände zum einfärben benutzen müssen. Man wusste nicht, ob man lachen oder heulen sollte.

Zwischen diesen beiden Extremen pendelte im Grunde mein ganzes Studium. Es gab oft was zu lachen über die Rechtschreibung, Credit-Points, Professoren, Mitarbeiter, Mitstudenten, die Fachschaftsratprostituierten undundund. Weniger witzig war das, was das Studium an organisatorischen Dingen umgab. Und damit meine ich jetzt nicht, wie man es schafft an einem Abend sowohl die Mediziner- als auch die Sportler-Party zu besuchen.

Das leidigste Thema unter den vielen anderen war das Latinum. Leider habe ich damals in der Schule Französisch in der siebten Klasse gewählt und alle, die mit einer Gnaden-Vier das Latinum errungen haben ausgelacht. Ich fand es lächerlich eine tote Sprache zu lernen, mit der man bestenfalls ein Praktikum im Vatikan machen kann.

Heute sehe ich das anders. Hätte ich ein Kind, müsste es zum Einschlafen Kassetten vollgesprochen mir lateinischen Vokabeln hören. Es müsste sich alles zum hellenistischen Osten, den Gracchen, Kimbern, Marcus Tullius Cicero (und das wäre kein singender Hütchenträger) und die gesamte römische Geschichte und Kultur anhören. Statt Gute-Nacht- Geschichten gäbe es De re publica, De legibus, De inventione, Academici libri und viele andere herzerwärmende Werke. Morgens auf dem Schulweg müsste das Kind deklinieren und konjugieren. Ich wäre unerbittlich.

All das würde ich natürlich nur machen, um dem Kind viel Leid zu ersparen. Es soll nicht, wie seine Mutter einst sechs Wochen, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag in einem Sommer-Latein-Crash-Kurs für tausend Euro sitzen müssen, in dem getanzt und gesungen wird. Es soll nicht unter diesen meschuggenen „Regeln,” die nichts mit dem eigentlichen Inhalt des Studiums zu tun haben leiden. Auch soll es nicht unter furchteinflößenden Dekanen leiden, die schlecht Kritik ertragen können und den Muff unter den Talaren anscheinend ganz in Ordnung finden. – Ach, am besten das Kind macht ne´ Ausbildung, dann reg´ ich mich nicht uff.

§ 2 Responses to Uni: Leben, Leiden und kein bisschen Hoffnung (Teil 1)"

  • bellablog says:

    ich habe mein kind gezwungen, 5 jahre latein durchzuziehen. sie hasst mich abgrundtief dafür aber dank grandiosem wortschatz (dank latein) bekomme ich außerordentlich originelle beschimpfungen. das ist es mir wert gewesen.

  • Laura says:

    Rischtisch!!!:O)))

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