Verfall einer Stadt…wenn das der Wolfgang wüsste

August 28th, 2011 § 0 comments

Goethe hat heute Geburtstag. Hätte. Er lebt ja nun schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Ich brauche keinen Blick in irgendeine handelsübliche Zeitung am heutigen Tag zu werfen. Nein. Die unerträgliche Peinlichkeit des Schreibens, Schreiben-Müssens, würde sich mir wie ein paar allzu leichte Mädchen aufdrängen. Dieser dämliche Dreiklang (Leben-Werk-Wirkung), dieses mühselige Stochern, dieses angestrengte, um intellektuelle Pointiertheit bemühte Geschreibsel oder Gewichsel. Wie viele Generationen an schlecht verdienenden, frustrierten Journalisten haben sich auf dieses dankbare Thema alle Jahre wieder bereits einen runtergeholt? Von den ganzen beknackten Literatur-Wissenschaftlern und -Liebhabern ganz zu schweigen. Goethe als Pinup-Girl.

Überhaupt ist es zum Würgen. Da, wo Goethe einst wohnte, latschen jedes Jahr über vier Millionen Touristen durchs Goethehaus am Frauenplan, den Park an der Ilm, das Gartenhäuschen, das Schillerhaus, die Anna-Amalia Bibliothek, das Witwen-Palais und so weiter. Ich würde es nicht glauben, hätte ich es dieses Jahr nicht mit eigenen Augen gesehen: Weimar verkommt zum Disneyland für Pseudo-Kulturinteressierte. Steht oder sitzt man in Weimar einfach nur rum, gehört man zu einer seltenen Spezies und läuft Gefahr entweder von einer Kutsche oder einem Oldtimer-Stadtrundfahrtenbus (prallgefüllt mit Touris) überrollt, oder aber von geführten Touristengruppen rücksichtslos platt getrampelt zu werden.
Einheimische schmeißen sich in lächerliche Kostüme und machen den Gästeführer. Die Gäste sind meistens grauhaarig, Mephisto-beschlappt und lieben gedeckte Farbkompositionen in Beige. Sie zeichnen sich durch einen straffen Zeitplan, einen gehetzten Gesichtsausdruck und rabiate Umgangsformen aus. Im Museumsshop wird angesichts der überteuerten Preise für den BilligTand aus Fernost gemeutert, im Restaurant ebenso, auch bei der Stadtrundfahrt wird gemoppert. Generell gilt: Alles zu teuer, und: Wir haben doch keine Zeit.

In den Museen selber laufen die Silberpudel gehetzt mit dem Audio-Führer von Raum zu Raum, hauen wie bekloppt auf den Tasten rum und schnaufen so, als ob sie kurz vorm Infarkt stehen. Ruhe und Besinnlichkeit ist was für junge Dinger wie mich. Aber die Seniorenteller-Fraktion hat keine Zeit mehr für Schöngeisterei. Und weil das so ist, wollen sie auch nicht, dass sonst irgendjemand noch Zeit dafür hat. Sie verscheuchen einen mit vorwurfsvollen Blicken von den wenigen Sitzmöglichkeiten, sie latschen über die Picknick-Decke im Park (obwohl hier nun wirklich Platz genug für alle ist), sie pöbeln einen im Museum von hinten an, schneller zu gehen und schrecken auch nicht vor einem beherzten Schulter-Rempler zurück. Ja, die Zeiten sind hart geworden in Weimar.

Vor zehn Jahren war ich das erste Mal in der goldenen Stadt. Es war wunderschön, mein Herz blieb damals in Weimar. In diesem Sommer habe ich es jedoch wieder brav eingesammelt, es vom Asphalt gekratzt. Doch Weimar wäre auch ohne die Touristen nicht schöner. Wie so oft, kann man auch hier das Rad der negativen Entwicklung (die geballte Inkompetenz von Touristikern, allzu dämlichen Stadtvätern und selbstzufriedenen Stiftungs-Mitarbeitern) nicht zurück drehen.
Die sicherste Art festzustellen, wie es um eine Gesellschaft oder in diesem Fall eine Stadt bestellt ist, bietet ein Gang auf den Friedhof. In Weimar schaut es da abseits der zur Fürstengruft pilgernden Touristen, traurig aus. Mit rot-weißem Absperrband sind notdürftig umgefallene, mehrere hundert Jahre alte Grabsteine umwickelt. Grabplatten haben sich von der Mauer, die rings um den Friedhof läuft, gelöst und sind herausgebrochen. Mausoleen sind beschmiert und stark beschädigt. Manche Wege gar nicht mehr passierbar.

Auch die Toten gehören zu unserem kulturellen Gut. An jeden Stein in freier Wildbahn heftet man in Weimar reflexartig gleich eine Gedenktafel: „Hier saß Goethe“. Bei jedem Gebäude ist man fast schon pathologisch bemüht einen Zusammenhang zu irgendeiner Figur der Goethezeit herzustellen (und wenn es auch nur ein entfernter Schwippschwager des Kutschers von Goethe ist).

Aber den Weimarer Friedhof, der uns ebenso etwas über jene Zeit und noch darüber hinaus erzählen könnte, hat man ausgespart. Goethe hätte das vielleicht sogar gefallen. Seine Toten hat er nie mit zu Grabe getragen. Der Tod war für ihn Mittel zum Zweck: Sterben und Werden.
Das kann freilich nicht für die Klassik Stiftung Weimar oder die Stadt Weimar gelten, die gut daran verdienen, dass Goethe einmal in Weimar lebte. Und wer jetzt denkt: „So sei doch höflich!“, dem entgegne ich ganz und gar in Goethe-Manier: „Höflich mit dem Pack? Mit Seide näht man keinen groben Sack.“

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