April 12, 2008

Weltoffenes Einzelgängertum

Alles in allem würde ich mein neuntes Lebensjahr rückblickend als eher unschön bezeichnen. Marco aus der Parallelklasse zerdrückte eine handvoll Knallteufel auf meinem Kopf, bevor er mich unter lautem Lachen und Gegröle der MItschüler in einen Mülleimer presste. Dörte, aus der Stufe über mir, schubste mich in der darauffolgenden Woche und verhalf mir so zu meiner ersten amtlichen Gehirnerschütterung und drei Wochen schulfrei. Dominik und Jan entdeckten irgendwann im Laufe dieses Jahres, dass ihre Spucke sich hervorragend auf meinen Jacken und Mänteln machte und spuckten fortan, was ihr Flüssigkeitshaushalt hergab. – Das prägt.

Mein zehntes Lebensjahr hingegen brachte eine Wende. Jeden, der sich mir unkontrolliert näherte oder in keinerlei freundschaftlichem Kontakt zu mir stand, trat ich prophylaktisch in den Unterleib. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Eines Tages entdeckte ich dann auch meine verbalen Fähigkeiten (nachdem der Logopäde mir das Stottern abtrainiert hatte).

Darüber hinaus erkannte ich in meiner Mutter eine wertvolle Verbündete. Sie stellte in einer beispiellosen Aktion Dominik und Jan nach der Schule und war wohl so überzeugend, dass beide nun Simone aus meiner Klasse anspuckten, statt mich. Unbehelligt konnte ich also die Grundschule absolvieren.

Über die subtilen Gemeinheiten, die mir anschließend neun lange Jahre auf dem Gymnasium immer wieder begegneten, schweige ich mich auf Anraten meines Psychologen an dieser Stelle lieber aus und bemühe ein Zitat von Christian Morgenstern: “Rückblick auf das deutsche Gymnasium. Zuerst hat mich die Schule zur Unaufrichtigkeit verleitet, sodann hat sie meine Sittlichkeit gefährdet, darauf hat sie mich durch absolute Nichtachtung und Verhöhnung meiner Individualität verbittert und verdüstert, zuletzt hat sie mich tödlich gelangweilt.”

Was ich aber ohne Bedenken sagen kann ist, dass Marco heute mit schweren Depressionen aufgrund von starkem Drogenkonsum ab und zu Gast in Entzugskliniken und Einrichtungen für psychisch Verwirrte ist. Dominik arbeitet in der Lampenabteilung von Karstadt. Und Jan ist nie über einen Grundschulabschluss hinaus gekommen. Irgendwann hat er sich dann mit gefälschten Zeugnissen versucht an einer Fachhochschule einzuschreiben (das ging aber daneben).

Ich bin nicht schadenfroh oder glaube daran, dass jeder einmal das bekommt, was er verdient. Meine Vermutung, jedoch, dass Sympathiebekundungen von Massen gegenüber einzelnen im Grunde gar nichts wert sind, finde ich in diesen gescheiterten Existenzen jedoch bestätigt. Ich war zwar damals der stotternde Quoten Depp mit fester Zahnspange und bunten Stirnbändern (die 80er verlangten diesen modischen Fauxpas!!!). Allerdings glaube ich rückblickend, dass dies nicht zu meinem Schaden war. Ich kann es ganz gut aushalten, wenn jemand über mich lacht und mich doof findet. Ich ordne meine Gedanken, meine Ansichten nicht dem Zweck unter von allen gemocht zu werden. Ich reduziere meine Sprache und ihre Inhalte nicht auf Schwammigkeiten und stürze mich so in die Belanglosigkeit, aus Angst jemandem könnte das, was ich sage nicht gefallen. Ich leiste mir Wissenslücken, Extravaganzen, besondere Merkmale zu haben und vertrete meine Meinung, ohne mich von irgendeiner Mode oder einem Gruppenzwang beeinflussen zu lassen. Ich bin nicht stark oder gräme mich den ganzen Tag in endloser Einsamkeit. So, wie ich bin kommt es mir einfacher vor, als immer nur vorzugeben, man wäre jemand anderes.

7 Comments

  1. Rick says:

    Weltoffenes Einzelgängertum klingt ein wenig wie Aktive Neutralitätspolitik, aber dann doch noch besser.

    Aber im Ernst, irgendwas muss ja schiefgelaufen sein, zumindest denkt sich der geneigte Stammleser das hier öfters. Wie konnte es kommen dass Du so fundamental daran gescheitert bist genauso oberflächlich und hirnlos wie normale Menschen zu werden? Was ist schief gelaufen dass Du Dich immer noch so beharrlich weigerst die Meinung anderer als die eigene zu verwechseln, und stattdessen anstrengend selber denkst? Und dann noch diese Schreibe: keine wichtige Sozialkritik, keine Liedermacherschei**e (so hätte man es früher genannt), kein Oden des Selbstmitleids, keine Verschwörungstheorien usw. Das kann langfristig ja nicht gut gehen…
    ;)

  2. Du solltest mal das Taschenbuch “Generation Golf” lesen, du wirst es (und dich) lieben! ;-)

  3. Laura says:

    BITTE? ich hab stammleser?unglaublich!-aber wer hat was von langfristigkeit gesagt…ich bin blognewcomerin, da kann ja praktisch nichts mehr nachkommen….ich bin verheizt worden und hänge morgen das bloggen an den nagel…..

  4. LÄÄsterschester says:

    …ach Du hörst auf?Dann haste ja wieder Zeit…na dann komm mal vorbei mein Garten braucht Dich!!!!;)

  5. Judith says:

    Liebe Frau L. aus D.,

    irgendwann mussten diese Traumata ja aufgearbeitet werden und dat is auch jut so.
    Trotzdem muss ich Dich noch an eine weitere Begebenheit aus dunkler Schulzeit erinnern:

    http://www.people.com/people/gallery/0,,20190802_4,00.html

    Na, dämmert es???

  6. Judith says:

    Mist, musst eins weiter blättern…mist, mist, mist

  7. [...] » Weltoffenes Einzelgängertum anjejackert.de (tags: Schulzeit, Schule, Einzelgänger) [...]

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