Es gibt moderne Errungenschaften der Zivilisation, die einen fertig machen. Ich rede jetzt nicht von gewaltfreien Gesprächskreisen, Gruppentherapie oder Starbucks. Nein, ich rede von Türglocken. Klingeln. Schellen. Hausgongs. –Teufelszeug.
Wenn man samstags im Jogger gemütlich vor sich hinlungert, dann ist es soweit. Wenn es nicht der lispelnde Postbote oder die ewig meckernde und mit der Welt unzufriedene Nachbarin aus dem Parterre ist, nervt irgendwer anderes aus den profansten Gründen. Während ich mich früher in so einem Fall ganz still verhielt und so tat, als sei ich gar nicht da, bin ich heute einen Schritt weiter. Soll ruhig jeder wissen, dass ich da bin und einfach keinen Bock hab an die Tür zu gehen.
Wenn früher der Paketmann samstags um 14 Uhr geklingelt hat, hab ich mich extra verkleidet, mir einen dicken Schal um den Hals geschlungen, die Haare nochmal durcheinander gewirbelt und beim Türöffnen schauspielerische Höchstleistungen vollbracht: Er müsse entschuldigen. Hüstel. Ich sei sehr krank und liege deswegen noch im Bett. Sonst würde ich freilich um diese Uhrzeit das machen, was alle anständigen Leute samstags machen: Auto waschen, einkaufen gehen, Fenster putzen. Der Mann in Gelb verstand.
Als vor gut einem Jahr meine Klingel kaputt ging, war das wie eine Offenbarung für mich. Zu jeder Tages- und Nachtzeit Stille. Selbst Klingelmännchen konnten die Rotzblagen von gegenüber nicht mehr machen. Unangenehmer und vor allem unangemeldeter Besuch von Verwandten sowie Bekannten, die man lieber nicht im Haus haben möchte, hatte sich mit dem Tag der toten Klingel ebenfalls erledigt. Kein Gegängel mehr in meinen Vierwänden. Ich war frei.
Einzig den Mann, der alljährlich die Zähler abliest, stört das Ganze nicht. Er verschafft sich durch die Frau im Parterre Zutritt zum Haus und arbeitet sich dann bis zu meiner Tür vor. Dann klopft, nein es rumpelt ziemlich wüste an meiner Tür. Zuerst dachte ich, das sei der Mann von der GEZ. Aber der tritt ja sofort die Tür ein. Nach einigem wiederholten Klopfen wird der Mann dann persönlich und spricht mich mit Namen an. „Ich weiß, dass Sie zuhause sind. Machen Sie auf, dann bringen wir das schnell hinter uns“. Das hört sich wie eine Drohung an. Und ich denke mir: Was der kann, kann ich schon lange. Schluss mit dem elendigen Versteckspiel! „Schmeißen Sie doch ein Zettelchen in meinen Briefkasten mit einem neuen Termin und einer neuen Uhrzeit, dann nehme ich mir Zeit für Sie. Bis dahin, einen schönen Tag noch!“