Zivilisationsmüdigkeit hat ein Gesicht: Rainald Grebe

September 8th, 2008 § 10 comments

Rainald Grebe ist mir vor Jahren zum ersten Mal, halb schlafend und halb von der Couch fallend, im Nachtprogramm des WDR begegnet. Da saß er vor einem Keyboard, mit dämlichem Federschmuck, Biolatschen und schickte sich an ein Liedchen zum Besten zu geben und ich dachte nur: „Bloß nicht! Singende Ex – Waldörfler, die n´ bisschen lustig sein wollen mit auffälliger Kopfbedeckung, ohne politisch und gesellschaftlich inkorrekt zu sein, habe ich schon genug gesehen.“ Dann kam » Brandenburg und ich fiel mit offenem Mund von der Couch.

Gestern Abend allerdings erlebte ich diesen Menschen zwischen Genie, Übermut, Halbwissen, feinstem Zynismus, sympathischer Menschenfeindlichkeit, Selbstironie und lauwarmen Wahnsinn pendelnd zum ersten Mal live im Rex-Theater in Wuppertal mit Klavier, ohne Schnickschnack und seinem Robinson-Crusoe-Programm.

Nach den ersten zehn Minuten wirft er ein: „Besser wird´s nicht mehr.“ Er lacht, singt, gestikuliert wild, er schreit, monologisiert, er rollt mit den Augen (wie Klaus Kinski zu seinen irrsten Zeiten), er spuckt beim Reden, stampft auf, wirbelt mit den Händen, schmeißt Zitate von Heiner Müller und anderen zusammenhangslos in seine Monologe, er hämmert und streichelt auf den Tasten herum. Er schlägt Bögen von Beethoven bis Putin in wenigen Sekunden. Die Bühne gehört ihm, hier sagt er, was er will und wie er es will. Beirren lässt sich dieser Künstler nicht. Und er ist, im Gegensatz zu allem anderen, was sich komisch im Sinne von lustig nennt, tatsächlich ein Künstler im ursprünglichen Sinne.

Wortgewandt ist er, Lieder schreiben kann er auch, seine Beobachtungsgabe und das Vermögen Menschen zu beschreiben und ironisch zu spiegeln ist phänomenal. Er hält den Spiegel sogar dem eigenen Publikum vor, wenn er seinen imaginären, begriffsstutzigen Kameraden auf der Insel, Freitag („Ein Untermensch auf Augenhöhe“), plötzlich nicht mehr selbst mit vorgeschobener Unterlippe imitiert, sondern das Publikum mit dem Namen anspricht. Am Anfang berichtet er von der mühevollen Arbeit ein Programm zu schreiben, denn „die Leute wollen ja immerzu was Heiteres.“ Wenn das Publikum an solchen Stellen geschlossen leise  kichert, beweist das nur, dass er recht hat. Und das Leben, so scheiße es manchmal ist, erscheint in der Tat heiterer, wenn Rainald Grebe davon erzählt. Am Ende des Programms wird es allerdings melancholisch und von Lachen und Kichereien hört man in der gesamten Hörerschaft plötzlich nichts mehr.

„Wofür machen wir das hier eigentlich alles, Freitag, wenn es doch keiner sieht. Ist doch alles umsonst, wenn keiner sagt, dass es gut ist.“ Wenn Rainald Grebe das zum Ende seines Programms sagt, wirft das auch die Frage auf, warum eigentlich so wenige Leute von Rainald Grebe wissen und warum er bei so viel bitterböser und pointierter Genialität nur so kleine, intime Bühnen füllt. Dann fragt man sich jedoch, ob zu jemand von diesem Format, dieser Klugheit ein ausverkauftes Olympia –Stadion oder eine eigene Show bei RTL passen würden. Rainald Grebe würde sich mit so etwas vom handwerklichen her gesehen nicht schwer tun. Aber man gewinnt am Ende eines solchen Tages den Eindruck, dass ihm das Kommerzielle und das damit Verbundene in allen Konsequenzen schwer fallen würden. Rainald Grebe ist Künstler und kein Quoten – Comedian oder Clochard für den Durchschnittsdepp. „Bitte lasst mich aussterben,“ meint Grebe in seiner Zugabe, als er von drei Tierschutz – Lesben erzählt. Doch den Wunsch wird ihm sein kleines Publikum, ob bei Youtube oder bei seinen Auftritten, wohl nie erfüllen. Zum Glück!

§ 10 Responses to Zivilisationsmüdigkeit hat ein Gesicht: Rainald Grebe"

  • LÄÄÄsterschwester says:

    EIN HOCH AUF RAINALD!!!!

  • bellablog says:

    den kannte ich gar nicht, der ist ja klasse. ich hab mich spontan in BENGT verknallt! *PRUUUST*

  • Judith says:

    Seine Mutter wohnt im Eierlikör….

    Der Grebe ist einfach supi!
    Toll, dass Du nen schönen Abend hattest!!!

  • Laura says:

    schönen abend? hab mich fast eingenesst…das MUSS man einfach mal live gesehen haben, sonst glaubt man´s nicht…
    @bella: die lieder sind schon super geil, aber das, was er in seinem programm dazwischen so von sich gibt sprengt alles…-haste schon “stiftungwarentest bernd” gesehen? zum brüllen:O)

  • Anna Licht says:

    Mein Neid ist Dir gewiss.
    Am Zwölften war er bei uns in der Ecke, was für mich zu diesem Zeitpunkt leider nicht galt :( Und du hast Recht – große Bühnen würden ihm nicht stehen, wärend er die Kleinen problemlos ausfüllt. Wobei ich in letzter Zeit immer öfter von ihm höre, aus unterschiedlichen Ecken – ich weiß noch nicht genau ob ich das gut oder bedrohlich finden soll.
    Naja, Sex ist Apfelsaft, nich’?

  • Laura says:

    jaja, und der ist “sehr gut”, “gut”, “befriedigend”, “ausreichend” oder “MANGELHAFT”…genau wie dreiwettertaft:O)))))-naja und bedrohlich kann man es nicht finden, wenn ein fein-herber und intelligenter Humor plötzlich für gut befunden wird. das heißt nämlich, dass noch hoffnung besteht…

  • Judith says:

    Und wie alles im Leben, kann man Apfelsaft auch testen…

  • Apollox says:

    Herzlichen Dank für diese wirklich vortreffliche Beschreibung von Rainald Grebe, besser kann man ihn und seine Kunst nicht beschreiben …. und ja, er ist nicht massenkompatibel, denn die eher wenig denkende Masse versteht eher einen Klamaukhumor á la Mario Barth.

  • Cayara says:

    Ich hab Rainald Grebe letztes Jahr im Lustspielhaus in München gesehn. Er war der absolute oberhammer :)!!!! nach gundermann mein lieblingskünstler!

    wann kommt der sandmann mit dem sand und fährt mein boot an die wand…

  • Habe Rainald Greben gestern Abend im Rex Theater WuTal gesehen, zusammen mit seiner 2 Mann Band perfomte er sein Album 1968.
    Absolut geil! Ich mein ich bin ja noch ne junger Kerl (86er Jahrgang)und hab eher damit gerechnet dass ich stellenweise den Humor nicht ganz verstehe (Politikernamen von damals etc) war aber nicht der Fall.
    Rainald Grebe ist absolut zynisch und hat einen wirklich perfekten trockenen Humor-den muss man mal gesehen haben.
    Den nächsten den ich mir mal Livwe ansehen werde ist Hagen Rether, werd glaub ich jetzt süchtig nach dieser art von Unterhaltung.
    In dem Sinne- einen sachönen Tag noch euch allen

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