Zwischen Pommes-Bude und Akardien

March 10th, 2010 § 0 comments

Als erster in der Print-medialen Ernährungskette hat man es nicht leicht. Ich bin Fußvolk. Die erste, die da sein muss und die letzte, die geht, wenn andere keinen Bock haben. Bei allem. Ich muss da hingehen, wo es weh tut. Geistig. Nicht, um besonders gut gehütete Geheimnisse aufzudecken und damit die Welt zu retten. Ich kann selbst für den Mini-Mikro-Kosmos, in dem ich mich bewege und agiere gar nichts tun. Jede heimlich untergebrachte Spitzfindigkeit in einer harmlos daher kommenden Nachricht ist mir also ein kleines, ganz persönliches Fest. Mehr nicht. Brandraketen im taghellen Redaktions-Alltag.

Und dann kommen sie ewig-immer daher. Den gleichen, ausgelatschten Weg. Und erklären Nase-rümpfend, Zwickel-zurecht-rückend was von Qualitäts-Journalismus. Jungs, auch ich ward einst in Akardien geboren. Lebe nun aber – der Realität halber – im Automatismus Journalismus. Das ist keine Krankheit, nein, leider nur eine Beschreibung für einen kaum veränderbaren Zustand. Die Grenzen sind vorgegeben innerhalb derer wir uns bewegen. Uns bewegen dürfen. Wir, die wir uns einst als unbezwingbare, uneinnehmbare, unbestechliche Fürsten für die richtige Sache sahen. Doch die „un“s wurden eines nach dem anderen aus Mangel an echter Autarkie eingebüßt. Das ist nicht schön. Auch ich hätte es gern anders. Doch Pippi Langstrumpfs Smash-Hit von einst: “Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt”, greift auch hier nicht. Zwei Mal drei macht eben nicht vier.

Mittlerweile stürzt man sich besser in ein Nichts aus Belanglosigkeiten, um nicht Gefahr zu laufen die lieb gewonnenen und Leben erhaltenden Anzeigen-Kunden zu verlieren. Presse und Werbung rauchen überall ein Gemeinschafts-Pfeifchen und gucken sich dabei René Magrittes surreales Werk: „Ce n’est pas une pipe“, an. Ach ja, und um etwaige Klage-Lustige abzuwehren, ist es ratsam ziemlich schwammig und freundlich zu bleiben. Pressefreiheit ist zu einem theoretischen Brettspielchen verkommen. Und jene, die das veranlasst haben, sehen ihre Fressen zwar immer noch in der Zeitung, aber mit weitaus nichts-sagenderen Aussagen darunter. Denn Vorsicht, lernt der Durchschnitts-Deutsche-Blätterwald mehr und mehr, ist besser als Nachsicht.

Und was lernen wir schon ganz zu Anfang unserer formidablen Ausbildung? Genau: Es ist (d)ein Leser: Also überfordere ihn nicht. Mache kurze Sätze. Vermeide allzu trickreiche Wortspiele, Anspielungen. Langweile ihn nicht mit langen Texten. Pflege das Pommes-Buden-Prinzip: Schnelle, heiße und gut verdauliche Infos. Am besten minütlich. Kurz. Knackig. Auf den Punkt. Schema F. Und wenn Platz fürs Boulevard ist: Da freut er sich. Der Leser. Denn wenn die Nachrichten schon nicht heiter sind – Klatsch und Tratsch sind es. Und zudem bewegt man sich da geistig genau auf jenem Niveau, das der Leser aufgrund seiner Bildung verlangt. Warum sich also über eine Patricia Riekel aufregen. Sie bedient nur den Markt mit ihrem banal-belanglosen Berieselungs-Apparat. Boulevard ist das heutige Opium fürs Volk. Denn da kann das Volk mitreden, sich aufplüstern und muss dabei gar nichts gelernt haben oder bereits etwas wissen. Klar wird mit dem Geschreibsel kein Bildungsauftrag erfüllt. Aber immerhin gibt man den lieben Kleinen die Möglichkeit weiter das Lesen, das Zusammen-Ziehen von Buchstaben, zu üben. Mehr nicht. Aber das muss es auch geben.

Was bleibt sonst noch? Ach ja: Das Recherchieren. „Recherchiere, ausgiebig und gut“, heißt es. „So lange es sich im Zeit-Rahmen von drei Minuten bewegt“, müsste es eigentlich noch heißen. Wir sollen schnell, präzise, kreativ und die Besten sein. Quasi: Spannung, Spiel und Schokolade in einem. Das hat schon beim Überraschungs-Ei nie geklappt. Beim Journalismus des 21. Jahrhunderts klappt es erst recht nicht.

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